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„WIR“ SIND DEUTSCHLAND?

Juni 26th, 2014 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

Wenn im fernen Brasilien der Ball rollt und Mannschaften aus aller Welt um den Titel des Weltmeisters streiten, werden auch in Deutschland wieder schwarz-rote-gelbe Fahnen wehen und Menschen mit der deutschen Elf mitfiebern, denen Fußball sonst herzlich egal ist. Viele halten das für harmlos. Aber das ist es nicht.

Von Jan Tölva

(Erschienen in Ausgabe 9 - WM-Spezial)

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Der Fußball in seiner modernen Form, wie wir ihn heute kennen, entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England, zu einer Zeit also, in der der europäische Kontinent in einer tiefgreifenden Umwälzung begriffen war. Hatte eben noch nach dem Ende Napoleons und dem Wiener Kongress die Restauration versucht, Europa im Zeitalter des Feudalismus zu halten, rissen die Kräfte der Geschichte und des Fortschritts spätestens ab den zwar gescheiterten, aber für kommende Generationen dennoch prägenden Revolutionen von 1848 zunächst den Kontinent und schließlich die Welt unaufhaltsam fort in eine neue Zeit, in der fast alles anders war als noch wenige Jahrzehnte zuvor.

Technischer Fortschritt und industrielle Revolution, Liberalismus und Humanismus, Kolonialismus und Primärakkumulation, also der Prozess, in dem den Arbeitenden die Produktionsmittel, vor allem das Ackerland, genommen wurden, schufen die Grundlagen für eine überstaatliche Ordnung, die nicht länger auf Dynastien und gekrönten Häuptern, sondern auf Verfassungen und dem politischen Willen zumindest eines Teils der Bevölkerung, namentlich dem männlichen Teil des aufkommenden Bürgertums, beruhte. Ethnisch heterogene Reiche wie das mittelalterliche Deutsche Reich, das Osmanische Reich oder auch Österreich-Ungarn zerfielen spätestens mit Ende des Ersten Weltkriegs. Sie wurden durch deutlich homogenere Nationalstaaten ersetzt. Dass diese wiederum große Teile der Welt unter ihr koloniales Joch brachten, und das meist in tiefer Überzeugung, als Angehörige einer herbeiphantasierten »Weißen Rasse« allen anderen quasi von Natur aus überlegen zu sein, ist die andere Seite der Medaille.

Auch der Fußball verdankt seine heutige Popularität zu großen Teilen dieser Epoche, die manchmal auch als »erste Globalisierung« bezeichnet wird. Häufig waren es britische Arbeiter, die den Ballsport mit an ihre jeweiligen Arbeitsorte brachten, und so ist es oft auch kein Zufall, dass oftmals Hafenstädte, die ersten Orte waren, an denen Fußball gespielt wurde. In Italien etwa war es Genua, in Frankreich Caen in der Normandie und in Südamerika waren die Hafenstädte Buenos Aires und Montevideo die Brutstätte dessen, was später als »fútbol rioplatense« weltberühmt werden sollte.

Der Fußball passte gut in diese Zeit des Auf- und Umbruchs. Mit seinen festgeschriebenen Regeln und der Grundidee des Fairplay wirkte er fast wie eine Sport gewordene Variante des Liberalismus, der davon ausging, dass, wenn alle sich an die Regeln hielten, die die Gesellschaft sich selbst auferlegt hatte, ein Leben in weitgehender Freiheit möglich wäre. Genau wie ein Schiedsrichter sollte der Staat nur dann eingreifen, wenn es unbedingt notwendig war, und ansonsten dem freien Spiel der Kräfte und der »unsichtbaren Hand« des Marktes, wie der Ökonom Adam Smith es nannte, freien Lauf lassen.

Die Idee des Liberalismus jedoch hatte einen zweieiigen Zwilling, namentlich den Nationalismus. Überall in Europa tauchten diese beiden im Nachgang der französischen Revolution, die zum ersten Male überhaupt in der Geschichte der Menschheit die Macht des Volkes proklamierte und gleichzeitig die universellen Menschenrechte verkündete, gemeinsam auf. Die Forderung nach Selbstbestimmung des Volkes, im Sinne von Bevölkerung, ging immer auch Hand in Hand mit der Forderung nach der Selbstbestimmung der Völker, also der verschiedenen, sich auf eine gemeinsame Sprache und Kultur berufenden Nationen.

In Deutschland jedoch nahm die Geschichte einen anderen Verlauf als in den meisten anderen europäischen Ländern. Während in Frankreich, Skandinavien und auf dem Balkan tatsächlich nationale Bewegungen zumindest grundlegend liberal ausgerichtete Nationalstaaten erkämpften, es also zu einer Staats- und Nationwerdung von unten kam, war es in Deutschland genau andersherum. Nachdem die liberale Nationalbewegung 1848 ihre Chance auf einen Nationalstaat, der auf den Willen der Bevölkerung hin entstehen sollte, verspielt hatte, kam es 1871 mit der Proklamation des preußischen Königs Wilhelms I. zum deutschen Kaiser in Versaille zu einer Reichsgründung von oben. Der Nationalstaat und seine Verfassung wurden der Bevölkerung des neu entstandenen Deutschen Reiches quasi von oben übergestülpt. Damit war die Forderung des Nationalismus erfüllt worden, während die des Liberalismus ebenso offen blieb wie die der aufkommenden Arbeiterbewegung.

In der Folge entwickelte sich in Deutschland ein Nationalismus, der dezidiert antiliberal war und sich auch von der Arbeiterbewegung in aggressiver Weise abgrenzte. In Liberalismus und weltoffenem Kosmopolitismus etwas Gefährliches erblickend war er geprägt von Antisemitismus, vor allem antislawischem Rassismus und einem auf die Stellung als Weltmacht hinzielenden Militarismus. So wurde auch der Fußball anfangs noch als »englische Fußlümmelei« abgelehnt. »Echte Deutsche« waren Turner und orientierten sich an dem notorischen Antisemiten Friedrich Ludwig Jahn, besser bekannt als »Turnvater Jahn«. Eine weitgehende Anerkennung erlangte der Fußball erst, als 1908 der damalige Kronprinz Wilhelm von Preußen den Kronprinzenpokal stiftete und dem Sport damit symbolisch die Weihe des Kaiserhauses verlieh.

Es geht immer auch um Politik

Die Rolle des Fußballs bei alledem war und ist eine ambivalente. Einerseits bergen gerade Spiele zwischen Auswahl- oder Vereinsmannschaften aus verschiedenen Ländern die Möglichkeit, sich kennen zu lernen und näher zu kommen. Andererseits bergen gerade Länderspiele zwischen Nationalmannschaften immer auch einen Ansatzpunkt für Nationalismus und Ausgrenzung. In Zeiten relativen Friedens zumindest in den Metropolen bietet der Fußball die Möglichkeit des rituellen Wettstreits zwischen den Nationen. Der US-amerikanische Schriftsteller Paul Auster meinte sogar, Fußball habe Krieg und Revolutionen weitgehend ersetzt.

Ganz unrecht hat er damit nicht, auch wenn es nach wie vor Kriege und Revolutionen gibt. Oft jedoch ist Fußball, ähnlich wie es der Militärtheoretiker Carl von Clausewitz über den Krieg sagte, eine Art »Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln«. Als zum Beispiel die »großdeutsche« Nationalmannschaft nach dem »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich 1938 zur Weltmeisterschaft nach Frankreich reiste, sollte sie dort auf Befehl von oben hin mit einer Mannschaft antreten, in der sowohl Spieler aus dem »Altreich« als auch aus der »Ostmark« spielen sollten. Die Spielphilosophien des deutschen und des österreichischen Fußballs waren jedoch so grundverschieden, dass die »großdeutsche« Mannschaft mehr gegen sich selbst als gegen den Gegner spielte und konsequenterweise bereits in der ersten Runde mit 2:4 an der deutlich kleineren Schweiz scheiterte.

In der Ära des Kalten Krieges dann waren große Sportwettbewerbe wie Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele immer auch eine Art Wettkampf der Systeme, der von beiden Seiten oft verbissen geführt wurde. Ein aus deutscher Sicht besonders gutes Beispiel hierfür ist das einzige Aufeinandertreffen der A-Nationalmannschaften der BRD und der DDR überhaupt, das im Rahmen der Weltmeisterschaft 1974 in Hamburg stattfand. Die Auswahl der DDR gewann dieses Spiel durch ein spätes Tor mit 1:0. Der Torschütze Jürgen Sparwasser ist bis heute eine Legende.

Auch nach dem Ende des Kalten Krieges hat der Fußball seine politische Bedeutung keinesfalls verloren, und gerade Länderspiele sind auch heute noch regelmäßig Anlass für das Auf- und Ausleben nationalistischen Furors. So randalierten zum Beispiel im September 2013 aus Anlass eines WM-Qualifikationsspiels ungarische Hooligans in der rumänischen Hauptstadt Bukarest und verliehen dabei auch revisionistischen Forderungen nach der »Rückgabe« Siebenbürgens an Ungarn Ausdruck. Auch wenn Serbien auf Kroatien oder Chile auf Peru trifft, geht es meist um weit mehr als nur um Fußball. So war es auch 2001, als Angola in Lissabon gegen Portugal antrat. Mitte der zweiten Hälfte musste die Partie abgebrochen werden, weil das angolanische Team nach vier Platzverweisen nicht mehr ausreichend Spieler auf dem Platz hatte. Die Verbrechen der ehemaligen Kolonialmacht in Angola, aber auch die rassistische Ausgrenzung, die Migrantinnen und Migranten von dort in der portugiesischen Gesellschaft bis heute erfahren, dürften dabei wohl eine gewichtige Rolle gespielt haben. Ein weiteres Freundschaftsspiel beider Teams jedenfalls hat es seit damals nicht mehr gegeben.

80 Millionen Hooligans

Dass Fußballländerspiele eine derartige Bedeutung erlangen können, liegt daran, dass die Teams, die dort aufeinandertreffen und die ja eigentlich nur den jeweiligen Verband repräsentieren, von den meisten eben nicht bloß als Repräsentanten eines Fußballverbandes angesehen werden, sondern als Stellvertreter für wahlweise die Nation, das Volk oder die Bevölkerung des jeweiligen Landes. Wenn etwa die Auswahlmannschaften des Deutschen Fußballbunds und der englischen Football Association aufeinandertreffen, spricht nahezu niemand von einem Spiel zwischen DFB und FA, sondern viel mehr davon, dass dort Deutschland gegen England spielen würde. Bei vielen geht die Identifikation mit der Auswahlmannschaft des Verbands des Landes, das als eigenes verstanden wird, sogar so weit, dass ganz ähnlich wie auf Vereinsebene mit Bezug auf die Mannschaft von einem »Wir« die Rede ist.

»Wir« sind 1990 Weltmeister geworden und »Wir« haben bei der letzten WM im Halbfinale gegen Spanien verloren, dabei haben »Wir« bis auf die knapp zwei Dutzend, die dort auf dem Feld oder am Spielfeldrand standen, mit diesen Erfolgen und Niederlagen eigentlich bestenfalls sehr peripher etwas zu tun gehabt. Die Großbrauerei »Bitburger«, einer der Sponsoren der deutschen Nationalmannschaft, drückt das in einem aktuellen Werbespot so aus, dass hier aus »80 Millionen ein Team« werde, und tatsächlich scheint bei nicht wenigen die Identifikation derart weit zu gehen. Alleine mit Fußball jedenfalls ist das, was die Medien seit 2006 hin und wieder als »Partyotismus« bezeichnen und was richtigerweise Nationalismus genannt werden sollte, nicht zu erklären.

Es gibt allerdings einen gehörigen Unterschied zwischen der Identifikation als »Wir« mit einem Verein und der Identifikation als »Wir« mit einer Nationalmannschaft. Während ersteres ein mehr oder minder freiwilliger Akt ist und prinzipiell jede und jeder Fan jedes beliebigen Vereins werden kann, verhält es sich bei Nationalmannschaften anders. Da diese in den Augen der meisten gleichbedeutend sind mit den Nationalstaaten beziehungsweise den Nationen, die sie vertreten, wird zumindest implizit erwartet, dass Menschen sich auch mit der Nationalmannschaft identifizieren, mit deren Spielern sie die Staatsangehörigkeit teilen.

Als logische Konsequenz daraus finden sich exakt dieselben rassistischen und nationalistischen Ausgrenzungsmechanismen, wie wir sie in der Gesamtgesellschaft finden, auch im Kontext von Fußballländerspielen wieder. Als deutscher Staatsbürger gegen die Elf des Deutschen Fußballbunds zu sein, wird für gemeinhin als Verrat angesehen. Die Loyalität deutscher Staatsbürger mit Migrationsgeschichte zur deutschen Elf wird dagegen oft mit Argwohn betrachtet. Vielen erscheinen sie als unsicherer Faktor, auf den die echten »Blut-und-Boden-Deutschen« sich im Zweifelsfall nicht verlassen können oder sollten. So wurde etwa 2012 während der Europameisterschaft auf der Berliner Fanmeile eine junge Frau krankenhausreif geschlagen, weil sie beim Spiel Deutschland gegen Griechenland, eine griechische Fahne bei sich trug und bei Toren beider Teams jubelte.

Kontroversen der extremen Rechten

Wenige Tage später, nach dem EM-Aus des deutschen Teams gegen Italien, kam es in mehreren deutschen Städten zu Ausschreitungen zwischen deutschen und italienischen Fans. Die »Westdeutsche Zeitung« berichtete damals, es habe alleine in Wuppertal 27 Festnahmen gegeben. In demselben Artikel ist auch davon die Rede, dass bei einem Public Viewing in Castrop-Rauxel ein Mann während des Abspielens der deutschen Nationalhymne den »Hitlergruß« gezeigt habe. Wirklich verwunderlich ist das nicht. Gerade im Fußballkontext scheinen die Übergänge zwischen Sympathien für die deutsche Elf und dem positiven Bezug auf das Deutsche Reich und den Nationalsozialismus allzu oft fließend zu sein. Anders jedenfalls lassen sich die Vielzahl von Deutschland-Schals in schwarz-weiß-rot, also den Farben des Deutschen Reiches und der Hakenkreuzfahne, die allerorten von fliegenden Händlern feilgeboten und offenbar auch verkauft werden, nicht erklären.

Ohnehin waren und sind Spiele der deutschen Nationalmannschaft immer wieder Anlass für die Zurschaustellung neonazistischer Ideologie. 1996 zum Beispiel zeigten Fans der deutschen Elf bei einem Spiel im polnischen Zabrze ein Transparent mit der Aufschrift »Schindlerjuden – Wir grüßen Euch«. Auch der Angriff deutscher Hooligans auf französische Polizisten vor dem Spiel gegen Jugoslawien bei der WM 1998 in Lens, bei denen der Polizist Daniel Nivel lebensgefährlich verletzt wurde, stand – von den deutschen Medien meist ignoriert – in einem sehr eindeutigen Kontext. Zuvor nämlich waren deutsche Hooligans und Neonazis mit Reichskriegsflaggen und dem Ruf »Wir sind wieder einmarschiert« durch die Straßen der Stadt gezogen.

Auch abseits der Stadien äußert sich immer wieder der Hang einiger Fans der Nationalmannschaft zum »nationalen Sozialismus«. So berichtete etwa der Hamburger Verfassungsschutz 2007 gegenüber der »Welt«, es habe im Zusammenhang »mit der Fußballweltmeisterschaft eine Zunahme so genannter Propagandadelikte gegeben, weil einige Bürger ihre Häuser nicht nur mit Schwarz-Rot-Goldenen Fahnen, sondern auch mit verfassungsfeindlichen Kennzeichen dekorierten«. All das als harmlosen Patriotismus abzutun, würde wohl doch etwas kurz greifen.

Dennoch ist es bemerkenswert, dass offensichtlich auch Neonazis, die eigentlich die Bundesrepublik Deutschland ablehnen und wieder ein Deutsches Reich etablieren wollen, sich mit der Nationalmannschaft, die eben jene Bundesrepublik nach außen hin repräsentiert, zumindest teilweise identifizieren können. Gleichwohl gibt es, was den Umgang mit der Nationalelf angeht, Spannungen innerhalb der extremen Rechten. Diese haben sich verstärkt, seit in der Nationalmannschaft in zunehmendem Maße auch Spieler mit Migrationshintergrund spielen. Während sich einige daran zwar stören, aber dennoch zu der einzig vorhandenen Repräsentanz ihres geliebten Deutschlands im Fußball halten, lehnen andere die Mannschaft rundweg ab, weil sie ihnen zu »multikulti« ist. Zur WM 2006 zum Beispiel gab die NPD einen Terminplaner heraus, auf dem der Spruch »Weiß – Mehr als eine Trikotfarbe. Für eine echte NATIONALmannschaft« zu lesen war. Der DFB und der Nationalspieler Patrick Owomoyela erwirkten damals eine einstweilige Verfügung; die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Volksverhetzung.

Dass Auschwitz sich nicht wiederhole...

Sicher, all das ist nur die eine Seite der Geschichte, und es gibt unter Garantie auch Menschen, die wirklich nur Fans der deutschen Nationalmannschaft sind, ohne dabei in einem kollektiven volksdeutschen »Wir« aufzugehen. Außerdem sollte nicht vergessen werden, dass Spieler wie Gerald Asamoah oder Mesut Özil mehr dazu beigetragen haben, den in Deutschland noch immer weit verbreiteten Rassismus wenigstens ein Stück weit abzubauen als alle Integrationsgipfel der Bundesregierung zusammen. Und doch sollte nicht unterschätzt werden, wie sehr das angeblich »unverkrampftere Verhältnis zur eigenen Nation« seit der WM 2006 rechte Denkmuster stärken kann.

Genau dieses Phänomen analysierte auch die Sozialpsychologin Dagmar Schediwy in ihrem 2012 erschienenen Buch »Ganz entspannt in Schwarz-Rot-Gold?«, für das sie unter anderem Besucher und Besucherinnen verschiedener Fanmeilen fragte, was ihnen das Zur-Schau-Stellen nationaler Symbole bei derlei Events bedeutete. Häufigste Antwort: »Ich will meine Zugehörigkeit zu Deutschland als Nation zeigen.«

»Der 2006 aufflammende Fußballpatriotismus trug Züge einer Revolte gegen ein Geschichtsverständnis, das sich auf den Holocaust fokussiert«, erklärte Schediwy damals in einem Interview mit der »Taz«. Der »Partyotismus« war also alles andere als unpolitisch. Er war viel mehr ein ganz bewusster Eingriff in den Diskurs um das Selbstverständnis der bundesdeutschen Staatsnation. Viele Medien nannten das »Normalisierung«. Eine von Schediwy interviewte Frau fasste es so zusammen: »Deutschland ist unser Land. Und auf sein Land ist man stolz.«

Ob das wirklich so ist, also ob Menschen wirklich quasi automatisch stolz sind auf ihr Land, und auch wer wie und unter welchen Umständen ein Land als »sein Land« bezeichnen kann und wer nicht, wird dabei offenbar vollkommen ausgeblendet. Gerade in einem Land, in dessen Geschichte wie auch Gegenwart es immer wieder Gruppen von Menschen gab und gibt, denen nicht ohne Vorbehalte zugestanden wird, dass dies hier auch »ihr Land« sei – ganz gleich, was da in ihrem Pass steht – können und dürfen solche Fragen aber niemals ausgeblendet werden.

Schediwy erkennt in dem neuen deutschen Patriotismus weniger eine Normalisierung als viel mehr eine Technik der Krisenbewältigung. Während Leben und Glück in der kapitalistisch verfassten Gesellschaft zunehmend unsicherer werden und die Angst vor dem sozialen Abstieg treibendes Handlungsmotiv eines Großteils der Bevölkerung geworden zu sein scheint, bietet das »Opium des Kollektivstolzes«, wie Schediwy es nennt, den Menschen etwas vermeintlich Stabiles. Der Job kann gekündigt, die Ehe geschieden werden, Religionsgemeinschaften und Parteien haben ihre lebenslange Bindungswirkung weitgehend eingebüßt und an die Sicherheit der Rente glaubt ohnehin niemand mehr. Das Deutschsein aber, das kann einem niemand nehmen – selbst, wenn man in vollgekotzten Deutschlandtrikot und zugepisster Hose in der Ecke liegt.

Nationalismus, diese Idee des 19. Jahrhunderts, hat heutzutage eine deutlich andere Funktion als zu der Zeit, in der sie entstand. War sie damals durchaus progressiv und in ihrer Stoßrichtung gegen die überkommene Herrschaft des Adels gerichtet, dient sie heute zumindest in den Industrienationen vor allem dazu, den Menschen ein positives Verhältnis zu ihrem jeweiligen Nationalstaat als Wirtschaftsstandort zu vermitteln und sie so dazu zu bewegen, für das angebliche Wohl des Ganzen auf eigene Vorteile etwa in Form höherer Löhne oder kürzerer Arbeitszeiten zu verzichten. Dass die Arbeiterinnen und Arbeiter viel besser damit beraten wären, an einem Strang zu ziehen, statt sich an der großen Rochade des Ausspielens eines Standorts gegen den anderen zu beteiligen, und dass sie statt sich vor »Armutsflüchtlingen« zu fürchten, vielleicht lieber lebenswertere Zustände oder höhere Löhne in den jeweiligen Herkunftsländern fordern sollten, findet umso weniger Gehör, je größer die Differenz zwischen dem national konstruierten »Wir« und den gefühlten Anderen ist.

Der Nationalismus, den wir im Fußball vorfinden, verstärkt genau diese Differenz. Eben deshalb ist er so gefährlich und eben deshalb kommt es auch im Umfeld von Fußballspielen so oft zu rassistischen, antisemitischen oder sonst wie von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit befeuerten Akten der Gewalt und der Diskriminierung. Das gilt besonders für die Nationalmannschaften jedes Landes. Es gilt jedoch umso mehr für jene der Bundesrepublik, da der deutsche Nationalismus beinahe zwangsläufig ausschließend und aggressiv ist. Eine wirkmächtige liberale Gegenerzählung wie etwa den US-amerikanischen Verfassungspatriotismus, auf den sich die dortige Linke in ihren Protesten gegen die Kriege in Vietnam oder dem Irak berief und der von einem »anderen Amerika« spricht, gibt es in Deutschland nicht oder nur in äußerst unvollkommener Form.

Wer Deutschland sagt, sagt immer auch Auschwitz. Genau das jedoch verleugnet der neue deutsche »Partyotismus«. Er will Deutschland ohne Shoah und die daraus resultierende historische Verantwortung der Nachkommen des Täterkollektivs. Solange die Antwort der stolzen Deutschen auf ihre eigenen Verbrechen aber Verdrängen und Vergessen heißt, kann und darf es keine Normalität geben und einen wie auch immer gearteten »normalen Patriotismus« schon gar nicht.

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