Header

»WER BRAUNSCHWEIG NICHT LIEBT, MUSS BRAUNSCHWEIG VERLASSEN!«

September 23rd, 2013 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

Die »Ultras Braunschweig« haben sich beim Bundesligaspiel gegen Borussia Mönchengladbach erstmals seit Jahren in die Fankurve gestellt und wurden daraufhin gleich mehrfach von rechten Hooligans angegriffen. Mitglieder unserer Redaktion waren vor Ort und haben die Geschehnisse zusammengefasst.

von der Redaktion
Ultras Braunschweig 2001

Die Schlinge zieht sich immer weiter zu. Die rechten Hooligans rücken Zentimeter um Zentimeter näher. »Kommt doch her, ihr Fotzen«, lautet ihr eindeutiges Angebot. »Traut euch doch mal, ihr scheiß Zecken«, schreit der Nächste. Die »Ultras Braunschweig« (UB) stehen im Gästeblock in Mönchengladbach. Das erste Mal seit gut fünf Jahren hat sich die Ultragruppe damit direkt in die Fankurve gestellt. Zu den anderen Braunschweigfans. In den Stehplatzbereich.

Zuvor waren sie über Monate hinweg von rechten Hooligangruppen bedroht und eingeschüchtert worden, nachdem sie in der letzten Saison die Rückkehr ins Stadion wagten. Bis zum Oktober 2012 waren UB jahrelang aus verschiedenen Gründen während der Spiele des Profiteams nicht im Fußballstadion anzutreffen und unterstützten stattdessen zum Beispiel das Frauen-Handball-Team der Eintracht. In der vergangenen Saison kehrten die Ultras dann ins Stadion zurück. Nicht in den Fanblock, sondern auf die gegenüberliegende Tribüne. Doch bereits bei ihrem ersten Spiel im Oktober 2012 wurde die Gruppe von rechten Hooligans angegriffen und bedroht.
Die Gruppe »Ultras Braunschweig« ging in den folgenden Monaten immer häufiger ins Stadion, aber die Bedrohungen ebbten nicht ab. »Der Verein hat von uns gefordert, uns nicht so zu isolieren«, sagt ein UB-Mitglied. Dieser Aufforderung seien sie nun nachgekommen. Mit einem eindeutigen Ergebnis.
Mit Öffnung des Gästeblocks ins Gladbacher Stadion gegangen, warten ca. 45 Menschen aus dem Kreis der »Ultras Braunschweig« im oberen Teil des Blocks auf den Anpfiff. Die Situation ist entspannt, die anderen Braunschweiger Fans reagieren kaum.
Doch dann betreten die ersten Menschen aus dem Braunschweiger Sonderzug das Stadion und die Atmosphäre ändert sich schlagartig. Die ersten Bedrohungsgesten in Richtung der »Ultras Braunschweig« werden getätigt, vor dem Gästeblock sind Kleingruppen zu sehen, die angeregt diskutieren. Die Anwesenheit der Ultras scheint der aktiven Braunschweiger Fanszene nicht zu gefallen. Spannung liegt in der Luft. Auch die Ordner, die mit der Eintracht zu Auswärtsspielen fahren, scheinen die veränderte Situation zu bemerken. Sie kommen zu den »Ultras Braunschweig« und fordern sie mit dem kantigen Satz »Männer, ihr kennt das doch, wir bringen euch jetzt in den anderen Block« auf, den normalen Stehplatzbereich zu verlassen. Doch die »Ultras Braunschweig« wollen keinen Blockwechsel. Sie wollen nicht erneut in einem gesonderten Bereich im Sitzplatzbereich stehen. Und während Vertreter der »Ultras Braunschweig« weiterhin lautstark mit der Ordnergruppe diskutieren, bewegen sich immer mehr breitschultrige Männer vom unteren Bereich des Gästeblocks zu UB. Die aktive Fanszene um die andere Braunschweiger Ultragruppe »Cattiva Brunsviga« richtet alle Augen auf die Situation. Die Menschen im unteren Bereich des Blockes haben sich umgedreht und starren regelrecht nach oben.

Die einzigen, die die Situation nicht wahrzunehmen scheinen, sind die Ordner. Ungehindert bahnen sich die Männer in einschlägiger Kleidung der einzelnen bekannten Braunschweiger Hooligangruppen ihren Weg zum Standort von UB. Es sind nicht die Ordner, die in dieser Situation eine schützende Kette um die bedrohte Gruppe bilden, sondern die Hooligans. Sie bilden eine regelrechte Bedrohungskette.
Erst als die ersten Becher fliegen und die ersten Mitglieder der »Ultras Braunschweig« körperlich bedrängt werden, stellen sich vereinzelnd Ordner zwischen beide Gruppen. Nachdem sich die Situation immer mehr zuspitzt, verlässt UB den Gästeblock dann doch. Während die meist jungen Mitglieder gemeinsam den Rückzug antreten, werden sie weiterhin von den Hooligans angegangen, die ihren vermeintlichen Sieg mit lauten »Wir sind Braunschweiger und ihr nicht«-Gesängen zelebrieren. Die normalen Braunschweiger Fans reagieren geteilt auf die Situation. Einige stimmen in die Gesänge ein, andere gucken weg. Unterstützung für die bedrohten Ultras gibt es kaum. »Ultras Braunschweig« gelten mit ihrer klaren Positionierung gegen rechte Tendenzen in Teilen der Fanszene für viele normale Fans weiterhin als »Nestbeschmutzer«.

Auch auf andere Kritik bezüglich rechter Eintrachtanhänger wurde von vielen Eintracht-Fans abwertend reagiert. Im Oktober 2012 veröffentlichte die »Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen« eine mehrseitige Broschüre über Verstrickungen der Braunschweiger Hooliganszene mit den örtlichen Neonazis. Schon damals war der Tenor eindeutig. »Fakt ist, dass es friedlich war, bis diese Initiative auftauchte. Außerdem stört mich, dass diese ganze Diskussion vom sportlichen Erfolg ablenkt«, sagte zum Beispiel der Vorsänger der Südkurve, Thilo Götz, kurz nach Veröffentlichung der Broschüre gegenüber der »11Freunde«. Auch während die »Ultras Braunschweig« den Gästeblock verlassen, werden ihnen von vereinzelten Gruppen weitere Gesänge entgegengeschleudert. »Wer Braunschweig nicht liebt, muss Braunschweig verlassen!«, schallt es aus dem Stadionumlauf. UB nimmt während des restlichen Spiels gezwungenermaßen Platz auf den Sitzplätzen und verfolgt von dort das Spiel. Die Stimmung ist gedämpft. Immer wieder gibt es verbale Provokationen gegenüber der Gruppe. Dennoch bleibt die Situation ruhig. Nach dem Spiel leert sich der Gästeblock, die »Ultras Braunschweig« warten im Block. Erst einige Minuten nach dem Abpfiff kommt es zur erneuten Eskalation. Drei Hooligans der »Alten Kameraden« werfen aus nächster Nähe Bierbecher auf die Gruppe und suchen die körperliche Auseinandersetzung. Sofort ist der Gästeblock wieder voll. Gut 250 Personen stürmen in den Gästeblock und überqueren zum Teil den Zaun, der sie von den »Ultras Braunschweig« trennt. Andere laufen über den zweiten Eingang direkt zu den Sitzplätzen. Im fast völlig leeren Stadion kommt es dort nun zu körperlichen Auseinandersetzungen. Die »Ultras Braunschweig« haben keine Fluchtmöglichkeiten, stehen mit dem Rücken zur Wand. Erst in letzter Minute rennt die Polizei in den Block und treibt die Angreifer zurück.

Gruppenfoto der Hooligangruppe »Alte Kameraden«

Noch im Oktober 2012 wurden auf der Homepage der Eintracht Präsident Sebastian Ebel und der Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt damit zitiert, dass »Der große Erfolg« darin bestehe, »dass die Situation sich grundlegend geändert hat und im EINTRACHT-STADION – also dem Bereich, für den der Verein maßgeblich zuständig ist – aktuell kaum problematische Situationen aufkommen«.

Nach den Ausschreitungen vom Samstag sucht man auf der Homepage vergeblich irgendwelche Hinweise bezüglich der Situation. Auf der Homepage befindet sich ein Spielbericht aus Gladbach, Informationen zum Kartenverkauf für das nächste Spiel, aber kein Satz zu den Angriffen auf die »Ultras Braunschweig«.
Ein Zustand, der Patrick Gorschlüter, Sprecher von »Bündnis aktiver Fußballfans« (BAFF), regelrecht entsetzt: »Das jahrelange Wegschauen und Beschönigen seitens Eintracht Braunschweig der klar rechtspolitischen Problematik in der Braunschweiger Fanszene wurde am Freitagabend für mehrere tausende Zuschauer sichtbar gemacht. Es ist im Sinne der stets geforderten couragierten Fankultur eine Katastrophe, dass nicht eindeutig rechte Gewalttäter den Gästeblock zu verlassen haben, sondern eine Gruppierung, die aufgrund ihres gesunden Menschenverstandes in Form einer antidiskriminierenden Grundhaltung den Hass von rechten Hooligans auf sich zieht«, sagt er gegenüber »Transparent«.
Und so schließt er sich den Forderungen der »Ultras Braunschweig«, die in einer Pressemitteilung fragen »Muss es erst soweit kommen, bis von symbolischen Aktionen und Lippenbekenntnissen Abstand genommen und endlich gegen rechte Umtriebe vorgegangen wird?«, an und bekräftigt: »Vom Verein Eintracht Braunschweig fordert BAFF eine klare, sichtbare Distanzierung von den eindeutig bekannten rechten Fangruppierungen, eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Situation der Ultras Braunschweig sowie eine gemeinsam zu erarbeitende Zukunftsperspektive für einen Stadionbesuch frei von gewalttätigen und rechtsmotivierten Übergriffen.« Wenn man die Geschehnisse von Freitag betrachtet, ist es dafür allerhöchste Zeit.

teilen...Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someonePrint this page

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 Both comments and pings are currently closed.