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VEREIN(T) GEGEN RECHTS

März 6th, 2014 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

In vielen Fanszenen gibt es Konflikte mit rechten Hooligans. Die rechte Gewalt in und um die Fankurven ist allerdings nur die sichtbare Oberfläche unterschiedlicher Diskriminierungsformen. Vereine und Verbände reagieren oft planlos.

Von: Pavel Brunßen

Im September 2013 wurde die Gruppe »Ultras Braunschweig« im Rahmen des Auswärtspiels in Mönchengladbach von rechten Hooligans im Gästeblock bedrängt, beleidigt und angegriffen. »Ultras Braunschweig« verließ daraufhin den Bereich der Eintracht-Fans. Unterstützung für die antirassistischen Ultras gab es kaum und auch der Verein stellte sich anschließend nicht hinter die Angegriffenen, sondern verbot ihnen das Auftreten als Gruppe im Stadion. Eine eindeutige Verurteilung der Angriffe und der dabei gefallenen Parolen wie »Traut euch doch mal, ihr scheiß Zecken« oder »Kommt doch her, ihr Fotzen« blieb hingegen aus. Auch in Städten wie Aachen, Duisburg oder Essen kommt es vermehrt zu Konflikten, bei denen rechte Hooligans durch Bedrohung und Gewalt auftreten. Viele Vereine bagatellisieren das Problem, wollen Ruhe im Vereinsumfeld. Andere Vereine unterstützen antirassistisches Engagement aus der Fanszene. Was können Vereine und Verbände, vor allem der DFB, eigentlich gegen Diskriminierung und rechte Gewalt im Stadionumfeld tun?

Vielfältige Diskriminierungen

Diskriminierungen unterschiedlichster Art sind gesellschaftlich allgegenwärtig. In Berlin-Hellersdorf oder Duisburg-Rheinhausen demonstrieren Menschen vor Wohnunterkünften geflüchteter Menschen gemeinsam mit rechten Parteien und Rechtspopulisten. Es handelt sich hier also nicht nur um ein paar rechtsradikale Aktivisten, sondern auch um Personen, die aus der »gesellschaftlichen Mitte« kommen. Ob auf dem Schulhof, dem Unicampus, oder am Arbeitsplatz: Rassistische, sexistische, homophobe, antisemitische oder anderweitig diskriminierende Sprüche gehören zum gesellschaftlichen Alltag. Diskriminierung als gesamtgesellschaftliches Problem? Das sieht auch Gunter A. Pilz so. Der Beauftragte des Deutschen Fußball-Bundes für Prävention und Anti-Diskriminierung meint: »Nicht alles kann und muss der Fußball machen. Sondern das ist ein Thema, was alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft.« Dennoch sieht Pilz den Fußball in der Pflicht: »Der Fußball ist das Kerngeschäft des DFB. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, allen, die Fußball spielen wollen, dies auch entsprechend ihren Fähigkeiten, Bedürfnissen und Möglichkeiten zu ermöglichen. Sollten dabei Menschen auf Grund ihrer Herkunft, ihres Alters oder Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder Weltanschauung ausgegrenzt werden, müssen wir einschreiten«.

Ob auf dem Stehplatz oder der Sitzplatztribüne: Sprüche wie »Für einen Schwarzen spielt der ganz okay«, »Der spielt wie ein Mädchen« oder »Der pfeift wie ʼne Schwuchtel« gehören anscheinend für einige Fans zum Spiel wie Ball und Bratwurst. Nicht immer treten rechte Einstellungsmuster so an die Oberfläche wie bei einem Teil der Fans von Eintracht Braunschweig. Jahrelang schien es in den oberen Ligen ruhiger geworden zu sein, die rechten Hooligans waren scheinbar verschwunden. Mittlerweile treten rechte Hools jedoch in immer mehr Fanszenen wieder in Erscheinung: Bei Alemannia Aachen eskalierte die Situation, nachdem sich die Gruppe »Aachen Ultras« gegen Diskriminierung positionierte. In Duisburg kam es zu Bedrohungen und Angriffen, nachdem dort eine Choreographie gegen Rassismus gezeigt wurde, und die Gruppe »Ultras Braunschweig« gilt bei Verein und Fanszene als »Nestbeschmutzer«, da sich die Gruppe offen gegen rechte Tendenzen in der Braunschweiger Fanszene engagiert. Doch das ist noch nicht alles: In Vereinen unterhalb der ersten Ligen engagieren sich Neonazis immer wieder im Umfeld von Fußballvereinen. Wer möchte schon die Stimmung im Dorfverein gegen sich richten, indem er homophobe Sprüche im Vereinsheim zum Thema macht und dabei oftmals ehrenamtliche Mitarbeiter an den Pranger stellt, ohne die ein Amateurverein oftmals kaum existieren könnte? Der Rückgang von rechten Symbolen und Gesängen in vielen Fankurven bedeutet keineswegs einen Rückgang von diskriminierenden Einstellungen. Es wird deutlich, dass sowohl offen rechte Einflüsse in den Fanszenen als auch die diskriminierenden Einstellungen für Betreuer und Funktionäre im Profi- wie im Amateurfußball eine wichtige Herausforderung sind, die zunächst einmal erkannt und dann angegangen werden müssen.

Im Grußwort zur Eröffnung der »Tatort Stadion«-Ausstellung 2003, die sich mit Diskriminierung im Fußball auseinandersetzte, sagte Theo Zwanziger vom DFB: »Auch der Fußball ist als Teil einer Gesellschaft keine Insel der Seligkeit. (…) Wir betrachten diese Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit und Sorge und verurteilen gemeinsam mit unseren Verbänden und Vereinen – insbesondere der Clubs der Lizenzligen – jede Form von Rassismus aufs Schärfste.« Über mehrere Jahre arbeitete der DFB in der Arbeitsgruppe »TAT (Für Toleranz und Anerkennung gegen Diskriminierung)«. Diese wurde in die »AG Antidiskriminierung« überführt. »Wir wollten deutlich machen, dass der Fußball nicht nur mit Rechtsextremismus und Rassismus zu tun hat, sondern dass es auch andere Diskriminierungsformen gibt«, meint Gunther A. Pilz, Leiter der AG. »Wir haben sechs Handlungsfelder festgelegt: Geschlecht, Alter, sexuelle Identität, Religion/ Weltanschauung, Bildung sowie ethnische und soziale Herkunft«, so Pilz weiter. Für den DFB scheint also klar zu sein, dass es nicht nur darum geht, sich mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen, sondern dass es daneben noch vielfältige Formen von Diskriminierung gibt, gegen die es ebenso anzugehen gilt.

Am Ball bleiben

In der »AG Antidiskriminierung« des DFB arbeitete bis Anfang 2013 auch Gerd Wagner mit. Außerdem ist er bei der KOS, der Koordinierungsstelle Fanprojekte, und leitete von 2006-2009 das Projekt »Am Ball bleiben – Fußball gegen Rassismus und Diskriminierung«, das zum Ziel hatte, Vorfälle im Bereich Diskriminierung sowohl im Profi- als auch im Amateurfußball zu sichten, Kooperationen und Netzwerke zu initiieren und unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln. Nach drei Jahren kam jedoch das Aus für das Projekt, welches zu gleichen Teilen vom DFB und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wurde: »Beide haben sich dazu entschlossen, die Förderung einzustellen, was ich bedauere. Es gibt kein bundesweites Projekt, was in dem Themenbereich agiert. Das ist ein Grund dafür, dass ich Handlungsbedarf bei den Verbänden sehe«, sagt Gerd Wagner. Gunther A. Pilz hingegen meint: »Ein Projekt ist deshalb ein Projekt, weil es einen Anfang und ein Ende hat« und lobt die Wirkung, die von ihm ausging: »Der Anstoß und die Signale waren da. Wichtig ist, dass ein Projekt die Initialzündung gibt.«

Beim DFB scheint hier der Funke aber noch nicht übergesprungen zu sein. Bereits 2008 forderte Wagner die »Einrichtung einer bundesweiten Antidiskriminierungszentrale« sowie die »Benennung einer (hauptamtlichen) Ansprechpartnerin/ eines (hauptamtlichen) Ansprechpartners gegen Rassismus und Diskriminierung in den Landesverbänden«. Bis heute gibt es weder das Eine noch das Andere. Das Eintippen von »Antidiskriminierungsbeauftragter DFB« in eine Internetsuchmaschine ist zwecklos. »Der DFB müsste ein Signal geben, sich im Bereich Antidiskriminierung hauptamtlich aufzustellen. Es gibt keine Person, die hauptamtlich für das Thema Antidiskriminierung zuständig und dementsprechend ansprechbar ist. Viele Vereine und Initiativen haben gar keine Ansprechpersonen. Es ist notwendig, dass bei den Verbänden Personen da sind, die als Anlaufstelle fungieren und das gibt es momentan nicht«, meint Wagner.

Der DFB hat mit seinen 21 Landesverbänden ein föderales System. Die Hoheit über die Vereine haben die Landesverbände, über welche der DFB die Hoheit hat. Die Möglichkeiten des DFB, direkt auf die Vereine Einfluss zu nehmen, sind also begrenzt. »Der DFB kann Materialien zur Verfügung stellen, kann Empfehlungen aussprechen, umsetzen müssen sie die Landesverbände, die Bezirke, Kreise und vor allem die Vereine vor Ort«, erklärt Gunter A. Pilz. Derzeit gibt es in jedem Landesverband Beauftragte für Integration und für Fair-Play. Zukünftig werden diese Aufgabenbereiche voraussichtlich zusammengefasst und um das Thema Antidiskriminierung ergänzt. All diese Themen werden dann von einem Beauftragten für gesellschaftliche Verantwortung des Fußballs bearbeitet. »Das hat u.a. mit den Umstrukturierungsmaßnahmen des DFB zu tun. Es macht perspektivisch wenig Sinn, wenn man für jedes Handlungsfeld einen eigenen Beauftragten ernennt! Wer soll das denn alles machen und am Ende sind es dann doch immer dieselben Leute die diese Funktionen ausüben. Da macht es mehr Sinn die Kräfte gleich zu bündeln und Beauftragte für gesellschaftliche Verantwortung zu benennen, die sich mit den unterschiedlichen Diskriminierungsformen auseinandersetzen und im Sinne eines werteorientierten Fußballs Maßnahmen für Toleranz, Respekt, Anerkennung und Fair Play fordern und fördern«, so Gunther A. Pilz. Gerd Wagner lobt, »dass dieses Defizit erkannt wurde und versucht wird über eine Person abzudecken«, kritisiert jedoch auf der anderen Seite, dass eine Person zukünftig für eine große Bandbreite an Themen zuständig sein soll: »Ich fände es sinnvoller eine Person explizit für das Thema Antidiskriminierung zu benennen«. Und nicht nur den Verbänden und Landesverbänden kommt hier eine wichtige Rolle zu: Auch die Vereine können sich explizit um das Thema Diskriminierung bemühen, so hat beispielsweise der SV Werder Bremen eine eigene Abteilung »Sozialmanagement«, in der es unter anderem um das Thema Antidiskriminierung geht.

Ultras aus Aachen »provozierten« mit Engagement gegen Rassismus.

Wer provoziert, fliegt raus

Gerd Wagner wünscht sich von den Vereinen eine klare Haltung: »Im Profibereich kann mehr dafür getan werden, dass die Vereine sich früher positionieren. Ich wünsche mir, dass Vereine sich hinter diejenigen stellen und diejenigen schützen, die sich gegen Rassismus und Diskriminierung engagieren.« Die Reaktionen der Vereine auf Angriffe, die innerhalb von Fanszenen aus dem politisch rechten Spektrum verübt werden, sind jedoch zumeist verhalten, abwartend oder sogar diejenigen schützend, welche für diese Angriffe verantwortlich sind. Die Entwicklungen in der Fanszene Eintracht Braunschweigs gehören hier zu den Negativbeispielen. Der Verein veröffentlichte eine lange Stellungnahme, in welcher die Gruppe »Ultras Braunschweig« unter Anderem als ehemals rechts bezeichnet wurde, obwohl die Konflikte innerhalb der Fanszene auch daher rühren, dass die Gruppe »Ultras Braunschweig« sich von denjenigen Mitgliedern trennte, die politisch nach rechts tendierten und sich seit mehreren Jahren offen gegen Rassismus positioniert. Sebastian Ebel, Präsident von Eintracht Braunschweig, erklärte gegenüber dem ZDF: »Wir haben die Gruppe bestraft, die provoziert hat.« Eine politische Dimension des Konfliktes schließt er aus. Seiner Meinung nach sei der Konflikt »nie politisch motiviert gewesen«. Ebel wirft den »Ultras Braunschweig« vor, für den Konflikt verantwortlich zu sein, da sie den Eintracht-Fans in der Masse Rechtsradikalismus unterstellt hätten. Die momentane Situation in der Fanszene könne er zudem gut einschätzen, obwohl die Vereinsführung ein Gesprächsangebot der Gruppe »Ultras Braunschweig« ablehnte.

Wer »provoziert«, fliegt raus – die Ruhe im Verein ist wichtiger und wenn die per Akzeptanz von Diskriminierung hergestellt werden kann, wird Diskriminierung gerne hingenommen. Dass dies häufig als der bequemste Weg angesehen wird, zeigt das Beispiel Alemannia Aachen: Hier wurde die Gruppe »Aachen Ultras« im Kampf gegen Diskriminierung in der Alemannia-Fanszene vom Verein alleine gelassen, war Drohungen und Angriffen ausgesetzt. Es gab weder Unterstützung vom Verein noch aus der restlichen Fanszene, die sich eher gegenüber den rechten Alemannia-Fans solidarisch zeigt. Im Januar 2013 mussten sich die »Aachen Ultras« schließlich aus dem Stadion zurückziehen. Ein fatales Signal. Die als rechts bekannte Band »Kategorie C« wendete sich im Juni 2013 in einem Video auf YouTube an die Kameraden aus den Fanszenen: »Es gab auch schon viele Leute, die haben sich dagegen gewehrt. Das beste Beispiel war in Aachen, da wurden diese Antifa-Leute dann auch vertrieben aus dem Stadion und das sollte auch in ganz Deutschland mal passieren.« Aachen, ein Signal an alle deutschen Hooliganszenen: Auf dem rechten Flügel geht wieder was. Ein Signal, das ankommt. Informationen von Spiegel Online zufolge haben sich Anfang 2012 insgesamt 17 Hooligangruppen in dem Netzwerk »GnuHonnters« zusammengeschlossen. Der Name stehe für »New Hunters«, zu Deutsch neue Jäger. Unterstützt werde das Netzwerk, dem etwa 300 Personen zugerechnet werden, von der extremen Rechten. Zu den Zielen des Netzwerkes gehört die »Herstellung alter Werte, keine Antifa im Stadion und Meinungsfreiheit zurückgewinnen.«

»Meinungsfreiheit und Antirassismus sine keine Provokation!« Transparent im Fanblock des MSV Duisburg.

Lichtblicke

In der Fanszene Werder Bremens gab es ebenfalls Übergriffe rechter Hooligans: Nachdem antirassistische Ultras im Januar 2006 von rechten Hooligans der Gruppen »Nordsturm Brema« und »Standarte« überfallen wurden, verhielt sich der Verein zunächst ähnlich wie in den oben genannten Beispielen. Der damalige Fanbeauftragte Dieter Zeiffer sprach von »richtungspolitischen Auseinandersetzungen« und das Fanprojekt wollte die Probleme lediglich am »runden Tisch« mit Angegriffenen und Nazihools besprechen. Der Konflikt sollte schnell und leise beigelegt werden. Eine öffentliche und langfristige Positionierung war zunächst nicht gewollt. Der »runde Tisch« wurde von den Angegriffenen jedoch abgelehnt, weil die Ultras sich nicht mit den rechten Schlägern an einen Tisch setzen wollten. Medien und Lokalpolitik machten auf den Konflikt aufmerksam. Öffentlicher Druck entstand und infolgedessen stellten sich Fanprojekt und Verein zunehmend hinter die antirassistischen Fans.

Ein langer Prozess im Verein führte zu immer deutlicheren Positionierungen. Im Juni 2011 schloss Werder Bremen den NPD-Funktionär Jens Pühse aus dem Verein aus. Als Begründung gab der Verein »die völlige Unvereinbarkeit der von Jens Pühse als Spitzenfunktionär der NPD im Wahlkampf- und Parteiprogramm verordneten Ziele mit denen in der Satzung des SV Werder verordneten Werten wie Toleranz und Integration« an. »Durch diese Entscheidung setzen wir als Verein ein klares Zeichen gegen Rechtsextremismus«, so Vereinspräsident Klaus-Dieter Fischer. Und auch an anderer Stelle positionierte sich der Verein gegen Rechts: Das Heimspiel gegen Borussia Dortmund am 19.01.2013 durften acht als »rechtsextrem« eingestufte Personen aus der Dortmunder Fanszene nicht im Stadion verfolgen. »Mit Beginn der laufenden Bundesligasaison ist die Stadionordnung des Weser-Stadions in der Weise verändert, dass extremistisch orientierten Personen der Zutritt ins Stadion verwehrt werden kann, wenn erkennbar ist, dass diese rassistisches Gedankengut verbreiten oder verfolgen«, so der Verein in einer Stellungnahme.

Das Signal aus Aachen erreichte auch die Fanszene von Rot-Weiss Essen. Für den 16. Oktober war eine Vorführung des Filmes »Blut muss fließen« organisiert, diese wurde von rechten Hooligans gestört: Das Fanprojekt sei nicht der richtige Ort für eine solche Veranstaltung. Die Filmvorführung wurde abgebrochen. Der Verein reagierte und wiederholte die Filmvorführung kurzerhand öffentlichkeitswirksam im Stadion. Gerd Wagner zufolge die richtige Reaktion: »Dass der Verein in Essen so schnell eine Stellungnahme dazu geschrieben hat, das geht auf alle Fälle in die richtige Richtung.« Ebenfalls schnell reagierte der Bonner SC, nachdem es am 01.09.2013 während der Partie gegen Aachens zweite Mannschaft zu rechten Beleidigungen gegen die antirassistische Gruppe »Bonnanza« gekommen war. Aus den Reihen der »Bande Bonn« fielen Bemerkungen wie »Hasta La Vista Antifascista« oder »Ihr seid Scheiße wie die ACU« (»Aachen Ultras«). Kurze Zeit nach dem Spiel äußerte sich der Präsident des Bonner SC Matthias Möseler auf seiner Facebook-Seite: »Der Bonner SC distanziert sich entschieden von den am gestrigen Sonntag im Spiel gegen Alemannia Aachen II gehörten Schlachtgesängen einer ganz offensichtlich nationalkonservativen Zusammenrottung.« Weiter heißt es: »Vorstandskollegen haben bereits mit Drahtziehern der Gruppierung gesprochen und ernsthafte Konsequenzen angedroht«. Das zunächst eindeutige Statement gegen die rechte Fangruppe wurde später in einem offiziellen Statement im Vereinsmagazin jedoch gegen ein Verbot jedweder politischer Aussagen eingetauscht. Hier heißt es nun: »Im Stadion haben politische Ansichten keinen Platz« und »Transparente mit politischen Inhalten sind untersagt«.

Links, Rechts und Mitte

Der Bonner SC folgt mit dieser Ablehnung jeglicher vermeintlich politisch extremistischer Positionen einem bundesweiten Trend, der nicht nur im Bereich des Fußballs um sich greift: 2010 entflammte eine erneute Diskussion um politischen Extremismus, als das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Extremismusklausel einführte, die unterzeichnet werden musste, wollten Projekte Fördergelder gegen Rechts beantragen. Im Ministerium wurde befürchtet, Projekte gegen Rechts würden von Links unterwandert.

Auch im Bereich des Fußballs ist die Extremismustheorie (gute Mitte, böse Ränder) weit verbreitet: In einer bereits 2008 durch den DFB erstellten Broschüre, die über rechte Symboliken aufklären sollte, heißt es: »Der Deutsche Fußball-Bund, die ihm angehörenden Verbände und die Deutsche Fußball Liga GmbH wenden sich mit allem Nachdruck gegen jegliche Form extremistischer, rassistischer und fremdenfeindlicher Erscheinungen.« Bereits im Titel der Broschüre steht der Kampf gegen Extremismus an erster Stelle: »Gegen Extremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Fußballstadien - Für Toleranz und Fairness«.

Gunther A. Pilz möchte auch denen, die sich gegen Diskriminierung engagieren, Grenzen aufzeigen: »Man ist gut beraten, wenn man auch denen, die sich zivilcouragiert gegen rechte Tendenzen und Rechtsextremismus einsetzen, deutlich macht, dass das nur dann auch zu dem gewünschten Erfolg führt, wenn man sich auf dem Boden des Rechtsstaates bewegt. Statt nur auf Ausgrenzung und Provokation zu setzen auch versucht durch Argumente, inhaltliche Auseinandersetzungen, denjenigen, die noch nicht ideologisch verfestigt sind, Hilfen anzubieten, aus der rechten Ecke, in die sie sich verrannt haben und von der sie sich die Lösung ihrer Alltagsprobleme erhoffen, herauszukommen und somit zu verhindern, dass sie endgültig ins rechte Lager abdriften. Bezüglich der ideologisch verfestigten muss bei allen Maßnahmen immer auch die Verhältnismäßigkeit und das Prinzip der Deeskalation gewahrt werden.«

Gerd Wagner hingegen meint: »Gruppen, die sich gegen Rassismus äußern, wird oft vorgeworfen Politik ins Stadion zu bringen, was absoluter Quatsch ist. Es gibt kein Verhalten im Stadion was unpolitisch ist. Diese Extremismus-Klausel ist absolut kontra-produktiv. Das hat ja nichts mit Links zu tun, wenn sich eine Gruppierung für Menschenrechte einsetzt. Das ist ein Vorgang, der in einer parlamentarischen Demokratie Gang und Gebe ist und wenn das als linksextremistisches Verhalten diskreditiert wird, ist das schon merkwürdig. Diesen Fehler begehen aber leider viele Vereine, und damit tun sich die Vereine überhaupt keinen Gefallen.« Tatsächlich gibt es viele Vereine, die die DFB-Richtlinien übernehmen und gegen »politischen Extremismus« vorgehen, so in Bonn oder auch in Mannheim: Im August 2012 setzte der Verein mit Flugblättern und Plakaten ein öffentliches Zeichen gegen »politischen Extremismus« und erklärte neben rechten Symbolen auch die Symbole »Antifaschistische Aktion« und »Anarchie« für unerwünscht.

Gerd Wagner hat Recht, wenn er meint: »Es muss viel mehr von den Vereinen kommen, die müssen viel früher Stellung beziehen«, denn die Entwicklung in Deutschlands Fanszenen ist gefährlich: Rechte Hooligans versuchen sich vielerorts verloren geglaubte Räume zurückzuerobern. Das Problem mit rechten Schlägern in den Fanszenen ist jedoch nur das sichtbarste. Rechte Einstellungen finden sich in allen Bereichen des Stadions wieder. Der Fußball ist von dem durch Gunther A. Pilz vorgegebenem Ziel, dass alle nach ihren Wünschen und ohne ausgegrenzt zu werden Fußball spielen können, weit entfernt. Es gilt, die Probleme zu erkennen, zu benennen, Grenzen aufzuzeigen und antirassistische Fangruppen zu unterstützen. Der DFB hat einen wichtigen Schritt gemacht, indem er erkannt hat, dass Diskriminierung nicht nur Rechtsextremismus heißt. Weitere Schritte auf einem Weg zu einem Fußball mit weniger Diskriminierung könnten feste Ansprechpersonen im DFB, den Landesverbänden und in den Vereinen sein, die sich dem Problem der Diskriminierung hauptamtlich und kontinuierlich widmen. Das wäre ein erster Schritt auf einem langen Weg.

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