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ÜBERALL TAKSIM – ÜBERALL WIDERSTAND

August 13th, 2013 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

In unserer sechsten Ausgabe berichten wir von den Großprotesten in Brasilien und der Türkei. In beiden Ländern spielen die Fußballfans eine wichtige Rolle bei den Demonstrationen. Unser Autor Marius Kanzinger war für uns in Istanbul unterwegs. Er erzählt von atemberaubenden Momenten und liefert Hintergründe zu den Protesten.

Von Marius Kanzinger

(Erschienen in Ausgabe 6)

Überall Taksim - Überall Widerstand

Die Fußballfans übernahmen in der Türkei von Beginn an, wie auch bei der Revolution in Ägypten, eine entscheiden-de Rolle in den Kämpfen gegen die Polizei. Die sich selbst als anarchistisch bezeichnende Ultragruppe »Çarşı«, Anhänger des Erstlistigsten Beşiktaş Istanbul, ragte durch die Nähe ihres Viertels zum Taksim-Platz, aber auch durch ihre schnelle Anwesenheit an den ersten Tagen der Kämpfe heraus. »Tausende Carsi-Mitglieder waren seit den ersten Stunden aktiv und überall präsent. Sie klauten Baustellenfahrzeuge, jagten damit Wasserwerfer und verbreiteten Videos davon.

Wer Çarşı bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte, lernte sie mit diesen Bildern kennen«, erzählt uns Dilek (Name geändert), eine Sprecherin der Devrimci İşçi Partisi (DIP), der türkischen revolutionären Arbeiterpartei. Die Gruppen »Outside Left«, »Kill for You« und »Vamos Bien« von Fenerbahçe Istanbul sowie die Gruppe »Singlefist« des dritten großen Istanbuler Vereins Galatasaray treten ebenso organisiert auf den Straßen Istanbuls auf. Eine der größten Gruppierungen in der Türkei, die »ultrAslan« von Galatasaray, blieb jedoch den Protesten fern. Sie gilt prinzipiell als apolitisch. Auch in anderen Städten in der Türkei führen Fangruppen die Kämpfe gegen die AKP-Regierung an. Nennenswert sind die Fans der zwei Vereine Karşıyaka und Göztepe aus Izmir, die tausende Demonstranten organisierten. Auch in der Hauptstadt der Türkei beteiligten sich die Fans an den Kämpfen. Besonders die traditionell rechten Fans des Clubs Ankaragücü überraschten. Sie stellten sich an die Seite der meist säkularen Bewegung. »Sie waren voller Wut, aber auch voller Disziplin. Dies verwunderte viele. Sie nahmen eine wichtige Rolle in der Verteidigung der Barrikaden im Stadtzentrum von Ankara ein und waren gut organisiert«, erzählt uns Dilek weiter. Es sind Vereinigungen und Massen, die die AKP-Regierung teilweise zum Rückzug zwangen. Die Polizei zog sich nach den schweren Zusammenstößen aus dem Gezi-Park vorläufig zurück und überließ diesen den Menschen.

Eine Machtdemonstration der vereinten Fußballfans und der Taksim-Bewegung.

Neun selbstbestimmte Tage im Gezi-Park

Der Rückzug sorgte für euphorische, fast schon siegessichere Stimmung unter den Demonstranten. »Egal welches Stadtviertel du durchschlenderst und egal zu welcher Uhrzeit – überall spürst du das, was im Gezi-Park den Anstoß genommen hat. Es ist fantastisch und unbeschreiblich, wenn die Menschen den Drang zu einer selbstbestimmteren Gesellschaft entfalten.« Mit dieser Einschätzung trifft Sümeriya (Name geändert), die ich in Kadiköy kennenlernte, die Stimmung in der Millionen-Stadt sehr gut. Sie ist 25 und wurde in Istanbul geboren, wuchs in Deutschland auf und zog vor vier Jahren zurück in die Türkei, um sich nach ihrem abgebrochenen Studium ein kleines Atelier aufzubauen. Religion habe in ihrer Erziehung eine geringe Rolle gespielt, sagt sie. »Respekt, Toleranz und Selbstständigkeit« seien Werte, mit denen sie großgezogen wurde und die sie nun auf die Straße treiben würden. Sie erzählt, dass sich das Leben am Bosporus in ihren letzten vier Jahren merklich verändert habe. »Das Land befindet sich in einem wirtschaftlichen Aufschwung, der der AKP-Regierung den Rücken stärkte und Erdogan dazu trieb, wie ein Tyrann Macht an sich und seine Partei zu reißen und zu festigen. Freunde von mir organisieren sich in einer oppositionellen Partei. Die können Erlebnisse aus den letzten Jahren erzählen, die weit weg von jeglicher Demokratie und ihrer Freiheit sind. Die meisten Menschen in der Türkei können dir von den Peitschenschlägen der Regierung erzählen, da sie diese selbst miterlebt haben. Das ist der Grund, dass nun so viele Menschen auf die Straße gehen.« Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist groß. In allen Städten und Stadtvierteln finden in diesen Tagen weiterhin Demonstrationen und Kundgebungen statt. Es sind auch die Tage, an denen die Rolle der Fußballfans in den Vordergrund rückt.

Vollversammlung und ein Zeichen an die Regierenden

Es ist der 8. Juni und der Gezi-Park ist nun über eine Woche von der Polizei befreit. Er hat sich in diesen Tagen zum Herzen der Menschen in der Türkei verwandelt. Voller Zelte, umringt von Barrikaden und ausgebrannten Polizeibussen, eingedeckt mit schier unzähligen Bannern und Ständen von politischen Gruppen und Organisationen wird er zu einer Vollversammlung des großen säkularen Anteils der türkischen Bevölkerung. An jeder Ecke kann man offenen Diskussionen lauschen, zwischen den Zelten versinken junge Menschen gemeinsam in Büchern, über »Twitter« wird sich über die Proteste in anderen Teilen des Landes informiert und auf der Treppe zum Taksim-Platz singen Menschen in Anzügen, mit Kopftüchern oder Miniröcken gemeinsam die türkische Version von »Bella Ciao«. Es ist ein Zusammenkommen, das diesen Ort und diese Situation einmalig werden lässt.

Neben einem Anarchie- und Antifabanner greift »Çarşı« auch das Symbol der Anonymusbewegung auf.

Folgt man den Barrikaden, gelangt man zum Fi-Yapı Inönü-Stadion von Beşiktaş, vor dem erschöpfte Polizisten in dutzenden Bussen Schlaf suchen. In dessen direkter Nachbarschaft liegt der Dolmabahçe-Palast, der am heutigen Tag von Tayyip Erdogan besucht wird. Das ganze Gebiet ist äußerst martialisch durch die Polizei abgeriegelt. Einen Steinwurf entfernt ist das lebendige Viertel Beşiktaş. Am Mittag des 8. Junis sammeln sich wenige hundert Menschen im Zentrum der Kneipen und stimmen sich auf etwas ein, dessen Dimension zu dieser Stunde keinem bewusst ist. »Wir haben mit zehn, vielleicht zwanzigtausend Menschen gerechnet«, sagt uns ein Mitglied von »Çarşı«, Tage später im Gespräch im Gezi-Park. Für diesen Samstag haben die Fans aller drei Vereine dazu aufgerufen, gemeinsam zum Taksim-Platz zu ziehen. Ein besonderer Moment, der ihren Ruf und ihre Macht unterstreichen soll. Viele Anhänger von Galatasaray und Fenerbahçe finden sich gegen Nachmittag im schwarz-weißen Viertel ein. Es ist eine besondere Atmosphäre und alle begegnen sich äußerst herzlich. An den Bierregalen in den Supermärkten herrscht Endzeitstimmung. Das Viertel platzt mit der Zeit aus allen Nähten, zehntausende sind gekommen, um gemeinsam zum Taksim-Platz zu ziehen. »Çarşı« verteilt hunderte Fahnen und entrollt ein Dutzend Banner, bevor die unüberschaubare Meute ihren Marsch beginnt. Viele TV-Teams und Fotografen, die sich vor dem Dolmabahçe-Palast positionierten, um ein Blick auf den Ministerpräsidenten zu erhaschen, folgen den Menschenströmen und sind sichtlich überwältigt von diesem Spektakel, das sich in den kleinen Straßen Beşiktaş‘ abspielt. Zehntausende stimmen in die Hymne von Beşiktaş ein. Es vereinen sich an diesem Tag offiziell Anhänger, zwischen denen es in den letzten Jahren etliche Verletzte und auch einzelne Todesopfer gegeben hat. Die nächsten Stunden werden zu einem Zeichen an die Regierenden in der Türkei. Der Strom setzt sich in Bewegung und zeigt einen Anblick, der jegliche Erwartungen übertrifft. Von über 100.000 Teilnehmern sprechen die Fans in den nächsten Tagen.

Eines der Zeltlager der »Çarşı«

Die Fußballanhänger werden in allen Straßen von Applaus und Jubel überrumpelt. Vieler davon, das muss man an dieser Stelle verdeutlichen, gilt der Gruppe »Çarşı«. »Sie gingen entschlossen gegen die Polizei vor, waren entscheidend beim Bau der Barrikaden,  organisierten nach dem Rückzug der Polizei aus den Park die Aufräumarbeiten, verteilten in den ersten Stunden danach Essen und Trinken und gaben uns ein Gefühl des Vertrauens«, erzählt uns Dilek von der DIP. Sie wartet an diesem Samstagnachmittag mit zehntausenden im Gezi-Park auf die Fußballfans und ist ebenso überwältigt von deren Masse. Der Großteil trifft gegen 21 Uhr auf dem Taksim-Platz ein, der komplett überfüllt wirkt. Jeder will dabei sein und alle helfen sich gegenseitig, an den Barrikaden vorbeizukommen. Plötzlich wird es hell – auf dem Atatürk-Kulturzentrum werden dreißig und auf dem Taksim-Platz wird die gleiche Menge an Bengalos gezündet. Feuerwerk und die unbeschreiblich lauten Schlachtrufe sorgen für Gänsehaut Stimmung. »Wer diesen Moment miterlebt hat, wird sich vor keiner neuen Verordnung oder keinem neuen Gesetz, das zum Nachteil der Bürger dieses Landes entsteht, mehr beugen.«

Drei Tage später macht Erdogan deutlich, dass er zu allerlei Mitteln greifen wird, um die Proteste zu beenden. Es werden allein in Istanbul innerhalb von 48 Stunden über 2.500 Menschen verletzt und die landesweite Zahl der Toten steigt auf fünf an. Am Morgen des 12. Junis wird der Gezi-Park gewaltsam geräumt. In Istanbul werden daraufhin Autobahnen besetzt und der Protest dezentralisiert sich.

 

Den gesamten Artikel lesen Sie in der aktuellen Printausgabe des Transparent Magazins (Ausgabe 6, August 2013)

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