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TÜRKIYEMSPOR – STRAIGHT OUTTA KREUZBERG

Oktober 10th, 2014 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

Lange Zeit galt Türkiyemspor Berlin als Vorzeigeverein im Kampf gegen Homophobie. Jetzt ist es jedoch zum Bruch gekommen zwischen Türkiyemspor und seinem Partner, dem Berliner Lesben- und Schwulenverband, der einzelnen Vorstandsmitgliedern unterstellt, selbst homophob zu sein.

Von Jan Tölva

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Es gibt Dinge, die auszusprechen schmerzhaft ist, die aber deshalb kein Stück weniger wahr sind. Eines dieser Dinge ist die Tatsache, dass es ein türkisch geprägter Verein im deutschen Fußball noch immer schwerer hat als andere Vereine. Das zeigt sich auch und insbesondere an der Geschichte des Kreuzberger Vereins Türkiyemspor Berlin, aber auch daran, welchen Widerhall der jüngste Skandal rund um den Verein findet.

Seine Geschichte geht zurück bis in eine Zeit, als West-Berlin noch eine Insel war. 1978, als Kreuzberg Gençler Birliği gegründet und später in BFC İzmirspor umbenannt, begann der Verein ab der Saison 1983/84 seinen scheinbar unaufhaltbaren Weg nach oben durch das Ligensystem des damaligen West-Berliner Fußballs. 1987 schließlich benannte sich der Verein um in Türkiyemspor Berlin und stieg in die Oberliga Berlin auf, die höchste Liga im Westteil der Stadt. Plötzlich spielte der von Migrantinnen und Migranten gegründete Verein vor Tausenden von Zuschauern und befand sich auf Augenhöhe mit den Großen der Stadt wie Hertha BSC oder Tennis Borussia. Im Jahr darauf wurde der Verein vor 5.500 Zuschauern im heimischen Katzbachstadion Berliner Pokalsieger. 1991 fehlte nur ein Punkt zur Teilnahme an der Qualifikationsrunde zur 2. Bundesliga.

In den Jahren danach pendelte der Verein beständig zwischen Dritt- und Fünftklassigkeit. Doch 2011 kam nach einer völlig verkorksten Saison der Abstieg aus der Regional- in die Oberliga. Ein Jahr später folgte ein Insolvenzverfahren und der Verein, der zeitweise froh war, überhaupt ein Team auf die Beine zu stellen, wurde bis in die Landesliga durchgereicht.

Zurück auf Los

Nicht wenige sahen in dem Totalabsturz jedoch auch eine Chance zur Neuausrichtung des Vereins. Sein althergebrachtes Image als das Aushängeschild schlechthin der türkischen Community Berlins in der Welt des Fußballs hatte mit der Realität schon lange nichts mehr zu tun. Bereits seit Jahren tummeln sich unzählige Vereine in der Berliner Fußballlandschaft, die zumindest teilweise in der türkischen Community verwurzelt sind, auch wenn man es nicht bei allen sofort am Namen ablesen kann, und Türkiyemspor ist auch schon länger nicht mehr der sportlich erfolgreichste unter ihnen.

Was den Verein jedoch noch immer von den anderen unterschied, war sein außergewöhnlich starkes soziales Engagement. Das passte auch gut zum sich langsam neu herausentwickelndem Selbstverständnis als Kreuzberger Kiezverein. Immerhin war und ist Kreuzberg ein ausgesprochen bunter und alternativ geprägter Stadtteil. Wer hier nicht offen ist für unterschiedliche Lebensentwürfe, dürfte es schwer haben, sich wohl zu fühlen.

Vielleicht gerade deshalb kam die Meldung, die langjährige Kooperation zwischen Türkiyemspor und dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) sei am Ende. Immerhin saß mit Jörg Steinert seit 2012 dessen Berliner Landesgeschäftsführer im Aufsichtsrat des Vereins, und seit vergangener Saison läuft das dritte Männerteam mit dem LSVD als Brustsponsor auf. Nun jedoch ist Steinert zurückgetreten. »Ich unterstütze keinen Verein, dessen Funktionsträger ein Team wegen dessen gesellschaftlichem Engagement aus dem Verein drängen wollen. Ich möchte auch keinem Kontrollgremium angehören, in dem es Mitglieder gibt, die Aufsichtsratssitzungen boykottieren, wenn diese in den Räumen des Lesben- und Schwulenverbands stattfinden«, erklärte dieser in einer schriftlichen Stellungnahme.

Vorausgegangen war ein offener Konflikt zwischen dem Vorstand und der Mannschaft der 3. Herren, die inzwischen in der Freizeitliga spielt. Der Verein soll von Spielern, die nach dem Ende der letzten Saison wechseln wollten, »Austrittsgebühren« verlangt haben, erzählt ein Mitglied des Vereins, was nicht nur nicht von der Vereinssatzung gedeckt, sondern auch hochgradig unüblich bis illegal ist. Als dieses Vorgehen gegenüber dem Vorstand kritisiert wurde, hieß es von diesem, die Mannschaft habe im Verein ohnehin nichts zu suchen. Wenig später meldete der Vorstand das Team vom Spielbetrieb ab. Als die Spieler am 20. September zu einem Pokalspiel aufbrechen wollten, lasen sie im Internet, dass das Spiel abgesetzt worden war. Ihnen selbst hatte niemand etwas davon gesagt.

Inzwischen jedoch wurde die Abmeldung beim Berliner Fußballverband zurückgezogen, nachdem der Insolvenzverwalter Thorsten Petersen eingegriffen hatte. Immerhin ging es um 37 Beitragszahler, auf die der klamme Verein nicht so einfach verzichten konnte. Der Vorstand wiederum warf Petersen daraufhin Kompetenzüberschreitung vor.

Sein Ligaspiel gegen Fakhro Berlin aus dem Wedding am 28. September konnte das Team dann auch tatsächlich wieder austragen. Allerdings schloss der Verein die Umkleidekabinen des Sportplatzes an der Blücherstraße nicht auf, und die Spieler mussten sich draußen umziehen. Doch wer den Berliner unterklassigen Fußball aushält, den haut auch das nicht um. Viel schwerer wiegt die Ungewissheit, wie es weitergeht, und ob das Team vielleicht doch noch abgemeldet wird.

Kreuzberger Zustände

Hintergrund des Konflikts zwischen den 3. Herren und dem Vorstand scheint in der Tat das Sponsoring durch den LSVD zu sein. Vor allem der Vereinsvorsitzende Mete Sener hatte sich damals empört darüber gezeigt, dass er in einer Presseerklärung mit den Worten zitiert wurde, er freue sich über das Engagement, obwohl er nichts dergleichen gesagt habe. Ob es ihm wirklich darum ging, dass er falsch zitiert worden war oder ob er tatsächlich etwas gegen das Engagement hatte, blieb und bleibt offen.

Der »Tagesspiegel« schreibt unter Berufung auf die Worte eines Spielers, das Vorstandsmitglied Bülent Gündogdu hätte den Schritt der Abmeldung damit begründet, man wolle nicht dass der LSVD im Verein unkontrolliert Macht übernehme. »Außerdem gibt es Menschen, die Angst haben, dass sie oder ihre Kinder in der Kabine oder unter der Dusche küssende Männer sehen.« Gündnogdu dagegen behauptet zumindest letzteres habe er so nie gesagt. »Aber wir müssen auch Respekt vor Mitgliedern haben, vor ihrer Religion und ihren Vorstellungen«, so Gündogdu weiter.

Es sind bekannte rhetorische Figuren: Die Angst vor der Dusche und die Homophobie, die immer die der anderen ist. Ganz unbegründet scheinen die Vorwürfe jedoch nicht zu sein. So bestätigt auch Aufsichtsratsmitglied Robert Schaddach gegenüber dem »Tagesspiegel«, einer seiner Kollegen hätte ihm gegenüber gesagt, er wolle nicht beim Betreten der Räume des LSVD gesehen werden. Er selbst wollte keine Namen nennen, laut dem öffentlich-rechtlichen Rundfunksender RBB handelt es sich jedoch um den als »Dönerkönig« bekannt gewordenen Unternehmer Remzi Kaplan. Der wiederum schweigt zu den Vorwürfen, sagte gegenüber dem RBB: »Jeder, der will, kann schwul oder lesbisch sein, aber wir reden hier vom Sport, von Fußball. Im Sport muss man das klar trennen.« Sagt so etwas jemand, der wirklich ernsthaft für ein gleichberechtigtes Miteinander aller mit allen eintritt, wie es doch das erklärte Selbstverständnis des Vereins ist?

Mindestens ebenso ärgerlich wie das Verhalten des Vorstands ist jedoch auch der rassistische Unterton, der teilweise in der Berichterstattung und erst recht bei den Kommentaren im Internet mitschwingt. Für viele scheint von vornherein klar gewesen zu sein, dass »die Türken« es mit dem Engagement gegen Homophobie ja ohnehin nicht haben ernst meinen können. Auch das ist ein bekanntes Phänomen. Türkiyemspor, aber auch andere migrantisch geprägte Vereine haben immer etwas stärker beweisen müssen, wie sehr sie doch für Demokratie und Menschenrechte, gegen Antisemitismus und Homophobie, eintreten, während in unzähligen Dorfvereinen Neonazis und Stammtischrassisten in aller Ruhe ihre national befreiten Zonen aufbauen können.

Wie unsinnig die pauschalen Vorwürfe gegen den Verein oder gleich die türkische oder muslimische Community als Ganzes sind, zeigt sich schon alleine daran, dass die Bruchlinie mitnichten zwischen LSVD und dem Freizeitteam auf der einen sowie dem Restverein auf der anderen verläuft, sondern es viel mehr um einen Konflikt zwischen dem Vorstand und einem Teil des Vereins geht, bei dem Homophobie zumindest eine Rolle spielt – egal ob es nun die eigene ist oder bloß die Rücksicht auf jene anderer.

Immer wieder haben in der vergangenen Saison Spieler der damaligen 3. Herren bei der 2. Herren ausgeholfen und Spielerinnen der Frauen- und Mädchenabteilung sind bei Turnieren ebenfalls schon mit den LSVD-Trikots aufgelaufen. Überhaupt, so heißt es aus dem Kreis des Freizeitteams, sei das Verhältnis zu den anderen Teams im Verein stets ein ausgesprochen gutes gewesen. Regelmäßig hätten Spieler des Teams auch Spiele der anderen Teams besucht, wie das in einem Verein halt so ist. Man interessiert sich füreinander und man unterstützt einander, wo es geht.

Auch die vielfältigen Aktionen gegen Homophobie und andere Formen von Diskriminierung, die aus dem Verein heraus in den vergangenen Jahren durchgeführt wurden, sprechen eigentlich eine deutliche Sprache, denn dahinter steckte ja nicht bloß das jetzige Freizeitteam oder irgendeine herbeifantasierte LSVD-Mafia, die im Hintergrund die Strippen zieht und »die Macht übernehmen« wollte. »Das war keine Fassade, das wurde tatsächlich gelebt«, meint ein Mitglied des Vereins und dürfte damit nicht alleine stehen.

Trikotsponsor der 3. Herren von Türkiyemspor ist der LSVD.

Trikotsponsor der 3. Herren von Türkiyemspor ist der LSVD.

Wenn der Vorhang fällt

Wer ein Spiel des Vereins besucht, wird sich, egal zu welchem Team er geht, unter Garantie keinem wütenden schwulenfeindlichen Mob gegenüber sehen, auch wenn rassistische Kommentare im Internet genau dieses Bild zu zeichnen suchen. Nein, das Problem des Vereins liegt anderswo, nämlich genau da, wo es auch in den vergangenen Jahren die meiste Zeit lag. Egal wie sehr sich das Personenkarussell auch drehte und wer gerade im Vorstand saß, eines blieb doch immer gleich. Spätestens nach einer gewissen Zeit, begann fast jeder der unzähligen inzwischen verschlissenen Vorstände eigenmächtig zu handeln und sich um die Meinung der Vereinsbasis nur noch peripher zu scheren.

Zu diesem Eindruck passt auch, dass die Mitgliederversammlung, die laut Satzung im zweiten Quartal hätte stattfinden sollen, mittlerweile seit Monaten überfällig ist. Einen vom Aufsichtsrat festgesetzten Termin im September ließ der Vorstand verstreichen. Wenn diese dann doch endlich einmal stattfinden sollte, wird es viel zu reden geben und der Vorstand wird sich für einiges verantworten müssen, was dem Verein Türkiyemspor in nicht unerheblichem Maße geschadet hat. Immerhin ist die Insolvenz noch lange nicht überwunden und das Image als sympathischer Kiezverein mit sozialem und politischem Bewusstsein ist so ziemlich das einzige Pfund, mit dem der Verein wuchern kann. Das zu verspielen, wäre mehr als leichtsinnig.

 

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