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REFUGEES WELCOME?

Dezember 9th, 2014 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

Verschiedene Projekte, Initiativen und lose Zusammenschlüsse von Einzelpersonen thematisieren das Schicksal Geflüchteter und nutzen dafür die Integrationskraft des Fußballs. Eine Spurensuche.

Von Lieven Ullwer | Fotos: Darius Hünger, Daniel Müller
(Erschienen in Ausgabe 11)

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Eine Minute lang nicht atmen. Hoffen, dass die Hunde den menschlichen Duft nicht riechen. Sie sollen verschwinden, jetzt zu scheitern ist keine Option. Das Versteck im Radkasten eines LKW ist gut. Aber ist es gut genug? Die Männer in Tanger sagten, es sei der sicherste Weg. Nächtelang hat er gewartet am Rande eines Parkplatzes, auf den richtigen Moment, die richtige Nacht. Alles umsonst? Männerstimmen – arabisch – seine Muttersprache. Die Stimmen werden leiser, die Hunde schnüffeln schon am nächsten Transporter. Er schnappt nach Luft, unterdrückt das Husten und zieht seine Beine noch einmal näher an den Oberkörper. Langsam rollt der LKW in den Bauch der Fähre. Das Ziel: Spanien. Europa. Die letzte Hürde vor einer guten, einer besseren Zukunft auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar hat der Junge überwunden. Es ist nicht das Ende der Suche nach dem Glück. Es ist erst der Anfang.

Eine Stunde später erreicht das Schiff spanisches Festland. Beamte der Guardia Civil finden ihn unter dem Fahrzeug, er hat sich keine Mühe mehr gegeben, unentdeckt zu bleiben. Menschen sprechen mit ihm, er versteht nichts. Er wird weitergereicht, ihm werden Fragen gestellt. Die ersten Wochen wohnt er mit anderen jugendlichen Geflüchteten in einer Wohngruppe, doch sein Ziel ist Madrid. Hier kann er bei einem Freund wohnen. Erst einmal, bis er genug Kraft für die Weiterreise gesammelt hat.

Kicken gegen Diskriminierung

Die Flucht mit dem Ziel Schweden endet an der deutsch-französischen Grenze bei Freiburg. Beamte der Bundespolizei kontrollieren die Züge. Reda ist minderjährig und alleine unterwegs, deswegen wird er in einer Pflegefamilie untergebracht. Seine Freizeit verbrachte er schon in Marokko mit dem Kicken gegen den Ball, in Spanien und Deutschland ist es nicht anders: »Ich war alleine auf einem Sportplatz in Herbolzheim Fußball spielen, da hat mich der Jugendtrainer beobachtet. Ich sollte mal zum Probetraining vorbeikommen.« Reda spielt gut, der Trainer will ihn als Verstärkung für sein Team. In den folgenden Monaten schießt er durchschnittlich drei Tore für seine Mannschaft, sein großer Traum: »Ich möchte für den SC Freiburg spielen. Es ist das beste Team in Freiburg.« Probleme gibt es jedoch mit einigen Mitspielern. »Wenn die Spiele fertig waren, haben wir nicht mehr miteinander gesprochen.« Seit einem Jahr nun wohnt Reda in einer Wohngruppe nahe der Dreisam. Vormittags geht er in die Schule und abends zum Fußballtraining – mittlerweile bei Eintracht Freiburg, ein Kooperationsverein des großen Sport-Clubs.

Im Frühjahr, ein halbes Jahr nach Redas Ankunft in Deutschland, spielt er bei einem vom Fanprojekt Freiburg organisierten Freizeitturnier unter dem Motto »Kicken gegen Rassismus« mit. Marius und Chris, Ultras des SC Freiburg, ebenfalls: »Wir haben die Ausstellung Tatort Stadion 2 mitorganisiert und ein Rahmenprogramm gestaltet. Zum Abschluss gab es ein Fußballturnier, auch Mannschaften aus Flüchtlingswohnheimen haben teilgenommen.« Sie lernen sich kennen, finden eine gemeinsame Sprache. Am Abend sitzen dreißig Jugendliche, darunter auch Reda, im Familienblock des Schwarzwaldstadions und drücken dem SC beim Heimspiel gegen Werder Bremen die Daumen. In der zweiten Halbzeit zeigen sie ein Spruchband, »Fight against discrimination!« ist zu lesen. Heute, ein halbes Jahr später, sagt Reda: »Marius und Chris sind wie Brüder für mich. Ich kann mit niemandem so sprechen wie mit ihnen – über meine Probleme, meine Familie und meine Zukunft. Ich vertraue Marius und ich vertraue Chris.« Nach dem Turnier brachten die beiden jungen Erwachsenen zwei Karten für das nächste Heimspiel in Redas Wohngruppe, eine Einladung mit besonderem Wert – für beide Seiten. Seitdem sieht man Reda regelmäßig im SC-Stadion, immer dann wenn er an dem Tag selber nicht spielen muss. Und auch Mohammed, ein weiterer Geflüchteter und bester Freund von Reda, folgte der Einladung der Ultras und verpasst seitdem fast kein Spiel. Dass sie ihren Freunden rechtlich nicht gleichgestellt sind, merkten sie vor allem bei Auswärtsspielen des Sport-Clubs. Die Residenzpflicht verbietet es ihnen, den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald zu verlassen. Es gibt jedoch eine Lösung für dieses Problem: »Wir haben gemeinsam einen Antrag an die zuständige Behörde geschrieben und eine Genehmigung erhalten. Mohammed und Reda dürfen inzwischen also ganz offiziell mit uns zu Auswärtsspielen fahren«, sagt Marius.

Die Verbindung ist eng, der persönliche Kontakt ausgeprägt und die Freundeskreise überschneiden sich. Auch andere Geflüchtete kommen regelmäßig ins Fanprojekt und zu Heimspielen auf die Nordtribüne. Das Fanprojekt hat für die neue Saison ein paar Dauerkarten bereitgestellt. »Wir haben in der Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS) noch kein einheitliches Konzept zu dieser Thematik besprochen. Uns war es dennoch ein Anliegen, den Jungs ein regelmäßiges Stadionerlebnis zu ermöglichen«, sagt Dirk Grießbaum, Leiter des Freiburger Fanprojektes.

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Initiativen für Geflüchtete

Deutschlandweit starten immer mehr Projekte und Initiativen, die Geflüchteten mit Hilfe des Fußballs eine Alternative zum Alltag in überfüllten Unterkünften bieten wollen. Anders als in Freiburg steht der aktiv betriebene Sport oft im Vordergrund. Ein Beispiel ist der FC Lampedusa Hamburg, der sich aus der im Winter 2012/2013 in Hamburg angekommenen »Lampedusa-Gruppe« zusammensetzt. Etwa 300 Geflüchtete waren nach ihrer Flucht übers Mittelmeer von den italienischen Behörden mit humanitären Aufenthaltserlaubnissen ausgestattet und dann mit einem »Taschengeld« nach Nordeuropa geschickt worden. Der Hamburger Senat weigert sich bis heute, sich mit der Gruppe konstruktiv auseinanderzusetzen und den Geflüchteten eine Zukunft in Hamburg zu ermöglichen. Aus den politischen Protesten, die rund um dieses Thema in den letzten zwei Jahren stattfanden, bildete sich die Initiative des Fußballclubs Lampedusa. Mittlerweile dreißig Männer spielen in der Hamburger Freizeit Fußball Gemeinschaft (HFFG) an Wochenenden gegen andere, mal mehr und mal weniger professionelle Teams. Der Vorstand der HFFG hatte sich nach Gesprächen mit Verantwortlichen des FC Lampedusa dazu durchgerungen, das Team der Geflüchteten an ihrem Spielbetrieb teilnehmen zu lassen – auch ohne den üblicherweise obligatorischen Nachweis, dass der FCL ein eingetragener Verein ist. Dennoch wird die Tabelle der HFFG zum Ende der Spielrunde »bereinigt«, also die Spiele des FC Lampedusa aus der Wertung genommen. Den ehrenamtlichen Verantwortlichen ist es trotz aller Hindernisse wichtig, »dass die Männer ihren tristen, problembeladenen Alltag für ein paar Stunden vergessen können«.

Ähnliche Projekte starteten im letzten Jahr in Berlin und Babelsberg. Im Potsdamer Stadtteil gründete der Verein SV Babelsberg 03, dessen erste Mannschaft in der Regionalliga Nordost spielt, im Sommer ein eigenes Team für Geflüchtete. Die dritte Mannschaft der Nulldreier heißt Welcome United 03 und setzt sich aus Geflüchteten zusammen, die in Potsdam oder umliegenden Ortschaften wohnen. Die Trainingsplätze und die Infrastruktur des Vereins kann das Team nutzen, außerdem stehen vereinzelte Freundschaftsspiele auf dem Programm. So veranstaltete die Babelsberger Fanszene Mitte Oktober einen Aktionstag unter dem Motto »Refugees Welcome«, bei dem verschiedene Initiativen und Organisationen ihre Arbeit vorstellen konnten. Der FC Lampedusa Hamburg kam mit seinem Team nach Brandenburg zu einem Kräftemessen mit Welcome United 03. Nach einem Pflichtspiel der Regionalligamannschaft der Babelsberger spielten die Teams der Geflüchteten.

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Politik am Zug

Einen überregionalen Austausch mit Verbänden, Initiativen und Politikern zum Thema »Geflüchtete und Sport« gab es Anfang Oktober in Berlin. Beim 1. Berliner Flüchtlings-Sport-Kongress wurde mit breiter Mehrheit der Teilnehmer eine Erklärung verabschiedet. In dieser heißt es: »Sport kann Flüchtlingen helfen, in bestehende und funktionierende Gruppen einzutreten, neue Sozialräume zu erschließen, am öffentlichen Leben teilzunehmen, Kontakte aufzubauen und somit in der Bevölkerung und in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Doch obwohl Fußball insbesondere unter den Jüngeren sehr beliebt ist, spielen äußerst wenige in einem Sportverein.« Claudia Roth, Vizepräsidentin des Bundestages, war ebenfalls Besucherin des Kongresses und stellt fest: »Ich habe erlebt, wie Fußball geflüchteten Menschen ein Stück Lebensfreude zurückgeben kann.«
Ob in Freiburg, Hamburg oder Potsdam: Es passiert etwas. Zumeist ehrenamtliche Helfer engagieren sich, um die Integrationskraft des Fußballs zu nutzen. Die Geflüchteten nehmen das Angebot an, haben Freude am Spiel und gewinnen oder verlieren als Team. Die Politik ist gefragt, die positiven Signale zu sehen und zu unterstützen, um eine Wende in der Migrationspolitik zu schaffen. Sie müssen nur wollen.

Fußballtraining einer B-Jugend im Freiburger Westen. Ein verregneter Dienstagabend im herbstlichen Oktober. Ein Junge sticht hervor aus der Masse. Ballgefühl, Schusstechnik, Kraft in Oberkörper und Beinen. Nach der Übungseinheit nach Hause. Wirklich nach Hause? Er ist oft traurig, wenn das Sport-machen, das Sport-schauen oder das Kochen mit Freunden ihn nicht ablenken. »Ich weiß nicht, was ich für eine Zukunft habe. Ich will nicht mein Leben lang nach dem Training oder nach der Schule ins Heim. Ich habe keinen Pass, weiß nicht, was kommt in der nächsten Zeit, weiß gar nichts. Meine Kollegen in der Schule fragen mich: ›Warum ist dein Gesicht immer traurig?‹ Ich sage: ›Wie lange hast du deine Mutter nicht gesehen? Einen Tag, eine Nacht? Ich habe meine Familie mehr als zwei Jahre nicht gesehen. Verstehst du jetzt, warum ich immer traurig bin?‹«

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