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DIE GEFÄHRLICHE KRIMINALISIERUNG MINDERJÄHRIGER ULTRAS

Juli 3rd, 2017 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

Der 15-jährige Paul ist Ultra. Seine Mutter hatte damit nie ein Problem. Bis sie Post von der Polizei bekam – ohne dass Paul wirklich etwas gemacht hätte. Im Windschatten der Strafspirale von gesperrten Kurven sowie Stadion- und Stadtverboten wendet sich die Polizei auch präventiv an die Eltern junger Ultras. Sozialpädagogen und Fanvertreter reagieren mit Unverständnis.

Text Pavel Brunßen | Illustrationen Sönke Lühring
Erschienen in Ausgabe 21

Am Sonntag, dem 2. Advent hat Paul (Name geändert) ein wichtiges Fußballspiel. Am Montag darauf schreibt er eine Arbeit in der Schule. Bereits am Freitag ist bei seiner Mutter ein Brief eingegangen, der die Stimmung zuhause verändern wird. Wegen der wichtigen Termine ihres Sohnes wartet seine Mutter noch, bis der 15-jährige Paul am Montagmittag aus der Schule nach Hause kommt. Dann heißt es: »Ich habe Post bekommen, die hat mich ziemlich beunruhigt. Ich möchte mal mit dir reden.«

Paul ist einer von acht jugendlichen Werder-Fans, deren Eltern im Jahr 2016 ein Gefährderanschreiben mit dem Briefkopf der Bundespolizeidirektion Hannover erhalten haben. Mit dieser wollte die Polizei die Eltern darüber informieren, dass ihre Kinder sich im Kreise der Ultraszene bewegen. Viele Adressaten seien vermutlich gar nicht Teil der Ultraszene gewesen, sagt Lutz Haarstrich von der Bundespolizei Hannover im Nachgang. Dafür spricht auch, dass dem Fan-Projekt Bremen nur zwei der acht Gefährderanschreiben bekannt sind.

Einige Zeit später erhält Pauls Mutter einen zweiten Brief, das tatsächliche »Gefährderanschreiben mit Unterlassungscharakter«. »Der zweite Brief war nochmal härter«, erinnert sich Paul, der sich seit einigen Jahren in der Bremer Ultraszene bewegt: »Sie hat dann mehrere Stellen aus dem Brief vorgelesen. Am härtesten war der Satz: ›Beim Fußball werden größere Mengen Drogen und Alkohol konsumiert, die gruppendynamische Prozesse fördern.‹ Das ist dann schon hart für Eltern, sowas zu lesen. Ich kann meine Mutter total gut verstehen. Ich wäre genauso geschockt, wenn ich von staatlichen Stellen so etwas über meinen Sohn bekommen würde.«

Jugendliche Verhaltensstörer

Polizeihauptkommissar Lutz Haarstrich von der Bundespolizei Hannover versucht nach eigener Aussage mit diesen Anschreiben, die Eltern über das Umfeld ihrer Kinder zu informieren und auf deren Erziehung Einfluss zu nehmen: »Wir wollen eine erzieherische Maßnahme erzielen; dass diese Jugendlichen sich in Zukunft von bestimmten Personenkreisen fernhalten sollen. Weil wir von diesen Personenkreisen genau wissen, dass sie einen schlechten Einfluss auf Jugendliche haben.«

Daniel Behm, Mitarbeiter des sozialpädagogischen Fan-Projekts in Bremen hat die Anschreiben gelesen: »In den Schreiben sind die Eltern im Prinzip informiert worden: ›Ey, wenn ihr euch jetzt nicht kümmert, dann braucht ihr euch nicht zu wundern, wenn eure Kinder in die kriminelle Szene abrutschen.‹« Pauls Name wird in dem Schreiben mit Gewalt, Drogen, Pyrotechnik in Verbindung gebracht. Er sei »Verursacher einer Gefahr« – ein »Verhaltensstörer«, der sich im Kreise gewaltbereiter Fußballfans aufhalte. In den Schreiben werden zahlreiche präventive Maßnahmen aufgezählt, die gegen Paul verhängt werden könnten. »Das sind die hauptsächlichen Maßnahmen, mit denen wir arbeiten«, erklärt Haarstrich. Es ist von der »Datei Gewalttäter Sport« die Rede. Auch ein Zwangsgeld von bis zu 25.000 Euro sei möglich. Zudem ein Test zur charakterlichen Eignung für den Führerschein, ein Ausreiseverbot oder eine in Kenntnissetzung des Jugendamtes. In den Gefährderanschreiben werden jeweils drei bis vier Spiele aufgezählt, bei denen die Jugendlichen von Beamten der Bundespolizei besonders unter Beobachtung stehen: »Die werden dann für einige Spiele von den fankundigen Beamten beobachtet, um sein Verhalten, seine Kontakte zu dokumentieren«, erklärt Haarstrich. »Das ist schon hart für Eltern«, sagt Paul. »Da stand ja auch drin, dass ich jetzt besonders beobachtet werde und so. Aber im Endeffekt ist ja nichts passiert.«

Kooperative Eltern

Fan-Projekt-Mitarbeiter Behm kritisiert die Art der Schreiben: »Die Schreiben sind so verklausuliert formuliert, dass da die Idee entstehen könnte, die Betroffenen dürften jetzt nicht mehr mit der Gruppe zum Spiel gehen. Was ja gar nicht stimmt. Das können die denen ja gar nicht verbieten – aber es wird den Eltern anders verkauft. Sie formulieren das so, als wäre das ein Verbot. Das finde ich extrem fragwürdig.« Die Mutter von Paul reagierte geschockt, doch besonnen. Nachdem sie den ersten Brief erhalten hatte, rief sie bei der Polizei an, um mit Lutz Haarstrich zu sprechen. »Dass sie bei der Polizei angerufen hat, nehme ich ihr schon übel, aber ich habe auch Verständnis. Das ist halt meine Mutter«, erzählt Paul. In dem ersten der zwei Schreiben, der Ankündigung des Gefährderanschreibens, bietet die Bundespolizei Hannover den Eltern die Möglichkeit einer schriftlichen oder telefonischen Rückmeldung. Danach werde über das weitere Vorgehen entschieden. »Die Gespräche mit den Eltern waren sehr fruchtbar. Meistens rufen die Eltern dann an. Die Eltern waren sehr kooperativ, wollen die Sache näher betrachten und haben die Jungs teilweise mit Auflagen belegt und ins Gebet genommen. Die Gespräche waren meistens relativ lang. Häufig waren es alleinerziehende Mütter, die für jeden Tipp dankbar waren«, berichtet Haarstrich.

Pauls Mutter konnte das Gefährderanschreiben durch den Anruf zwar nicht verhindern, doch das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn scheint keinen nachhaltigen Schaden genommen zu haben. Auflagen habe es auch nicht gegeben. Paul erzählt von einem guten Vertrauensverhältnis, auch wenn ihn die Situation um die Briefe immer noch zu belasten scheint. Jeweils nach den Briefen hätten die beiden sich ausgesprochen: »Wenn du mir sagst, du hast nichts gemacht, dann glaube ich dir das auch. Aber bitte lüg' mich nicht an«, sagte seine Mutter. Paul versicherte ihr, dass er sich beim Fußball noch nie etwas zu Schulden kommen gelassen habe. In dem Gespräch sei er offen gewesen, habe nicht gelogen.

In diesem Fall haben die Briefe nicht zu einer gravierenden Veränderung der innerfamiliären Beziehungen geführt. Dass dies auch anders ausgehen kann, berichtet Daniel Behm vom Bremer Fan-Projekt: »In den Briefen wird den Eltern etwas suggeriert, was überhaupt nicht stimmt. Aber die Eltern glauben das im Zweifelsfall erst einmal. Die denken dann, dass das Kind seinen Arsch retten möchte. Das ist für so einen Jugendlichen ein extremer Einschnitt, wenn die Eltern ihm keinen Glauben schenken, obwohl er weiß, dass er nichts Falsches gemacht hat und die Polizei drückt ihn da in so eine Ecke.«

Polizei ohne Kenntnisse

Behm ist geradezu empört über die Anschreiben der Bundespolizei Hannover. Diese hätte ohne Kenntnisse der Bremer Fanszene gehandelt: »Das erschreckende ist, dass es hier zwei Jugendliche aus dem Umfeld einer Gruppe getroffen hat, die sowohl bei der Bremer Bundes- als auch der Bremer Landespolizei dafür bekannt ist, dass sie eine friedliche, nicht gewaltsuchende Gruppe ist. Das ist die einzige Bremer Gruppe, die sich am Spieltag uneingeschränkt in der Stadt bewegen darf. Doch genau das wird in den Anschreiben von der Bundespolizei Hannover komplett verdreht«, berichtet Behm. Er habe mit der Bremer Landes- sowie Bundespolizei gesprochen und seine Verwunderung über die Gefährderanschreiben kundgetan: »Auch die Bremer Polizei konnte es kaum glauben.«

Er hält auch den Auslöser der beiden, ihm bekannten, Briefe für fragwürdig. Die Jugendlichen wurden in einer Gruppe von insgesamt 239 Personen auf dem Weg zum Auswärtsspiel nach Hamburg von der Polizei kontrolliert und zurückgeschickt. Nachdem die Bremer Ultras in den Jahren zuvor bereits häufiger während der Anreise nach Hamburg von der Polizei zurückgeschickt worden waren, wählten sie 2016 eine konspirative Anreiseroute nach Hamburg. Erst mit dem Bus nach Schleswig-Holstein, dann weiter mit dem Regionalzug. In diesem hatten sich Teile der Reisegruppe vermummt und die Überwachungskameras des Zuges mit Aufklebern abgeklebt. Der Zugchef hatte daraufhin die Polizei informiert, diese bei der Personenkontrolle unter anderem Sturmhauben, Pyrotechnik und Cannabis gefunden.

»Bei den Fans waren auch Jugendliche dabei. Diese Jugendlichen haben wir dann aufgrund dieser Situation mit Gefährderanschreiben belegt. In diesem Fall ging es um eine geplante Drittortauseinandersetzung, bei der keiner von denen genau wusste, worum es im Einzelnen ging. Die waren eben halt dabei und wären, wenn wir die Situation nicht vorher aufgeklärt hätten, da voll mit reingelaufen«, berichtet Polizeihauptkommissar Haarstrich. Auch in den Gefährderanschreiben steht die Drittortauseinandersetzung als Begründung: Etwa 200 gewaltbereite Hamburger Fans hätten im Bereich des Bahnhofs Hamburg Eidelstedt für eine sogenannte Drittortauseinandersetzung bereitgestanden. Die Fangruppe, in der Paul unterwegs war, hätte genau diese gesucht. Paul verneint, dass die Absicht einer »Drittortauseinandersetzung« bestanden habe, Behm hält diese Geschichte für »völlig abstrus«: »Klar, wenn die sich zufällig irgendwo getroffen hätten, hätten beide Gruppen wahrscheinlich nicht nein gesagt. Da braucht man sich nichts vormachen. Aber die wollten zum Stadion. Die hatten es schon im vergangen Jahr nicht zum Stadion geschafft und hatten aus diesem Grund diesen Weg der Anreise gewählt. Die haben auf gar keinen Fall mit 240 Personen eine solche Auseinandersetzung gesucht.«

Maßnahmen zum Jugendschutz

Paul ist kein Einzelfall. »Uns ist auch schon in der Vergangenheit immer mal wieder von verschiedenen Standorten ein solches Vorgehen berichtet worden, da gab es Anschreiben und vor allem Hausbesuche. Zuweilen hat die Polizei auch die Ausbildungsstätten von Betroffenen kontaktiert«, berichtet Sig Zelt vom Fanbündnis »ProFans«. Zwischen 2011 und 2013/14 gab es in Freiburg eine ganze Welle von Anrufen bei den Eltern von Jugendlichen aus dem Umfeld der Ultraszene des SC. Die »Supporters Crew Freiburg e. V.« veröffentlichte gar eine Dokumentation zum Thema »Jugendschutz innerhalb der Freiburger Fanszene«. Hierin zeichnen die Autoren nach, dass die Polizei die Eltern darüber informiert hätte, dass ihre Kinder sich an einem »jugendgefährdenden Ort« aufhalten würden. Gabriel Winterer, Leiter des Polizeireviers Süd Freiburg und zuständig für die Einsätze rund um den SC sagte damals gegenüber der »Badischen Zeitung«, Kinder und Jugendliche sollten zu ihrem eigenen Schutz aus der Gruppe herausgeholt werden: »Es geht uns nicht darum, Stimmung gegen die Ultras zu machen, sondern um notwendige Jugendschutzmaßnahmen im Umfeld von Problemfangruppen.«

Sechs Jahre später sitzt Maik (Name geändert) in einem Kaffee in der Freiburger Innenstadt. Maik ist vor etwas über drei Jahren einer der letzten jugendlichen Freiburger Ultras gewesen, deren Mutter angerufen wurde. Heute ist er 18, geht seit über zehn Jahren zum SC. Zunächst in den Kinderblock, seit vier Jahren auf die Nordtribüne. Bei einem Heimspiel sei er damals, expliziert er, von der Polizei kontrolliert worden. Zwei bis drei Wochen danach hätte einer der Szenekundigen Beamten bei seiner Mutter angerufen. Maik erinnert sich: »Ihr Kind befindet sich in einem jugendgefährdendem Umfeld: Drogen, Gewalt, Hooligans. Also die ganzen Stichworte. Was für die Eltern auf jeden Fall ein Schock ist.« Der Anruf erfolgte rund um seinen 15. Geburtstag. Das durch den Beamten angebotene Gespräch habe die Mutter abgeblockt. Seine Mutter kannte schon vorher ältere Mitglieder aus der Ultragruppe. Maik hatte ein gemeinsames Abendessen organisiert, damit seine Mutter wusste, wo und mit wem er unterwegs war. Sie wusste, was bei den Ultras passiert, hatte Ansprechpartner in der Gruppe.

»Ultra hat mich positiv beeinflusst«

Maik schüttelt den Kopf, der Anruf bei seiner Mutter sei »maßlos übertrieben« gewesen. »Das explizite Ziel ist, die Jugendlichen aus der Ultraszene rauszubekommen. Ein anderes Ziel kann das gar nicht haben. Es gab auch Androhungen mit Nordtribünenverbot und so weiter. Es gab ja nicht mal einen Vorfall, warum die mich hätten kontrollieren können.« Maik betont, dass die Ultraszene ihn positiv beeinflusst habe: »Für mich war das eher ein positiver Einfluss als ein negativer, dass ich so jung da reingekommen bin. Man bekommt da auf jeden Fall einen positiveren Einfluss, als wenn man als 14- oder 15-jähriger mit Gleichaltrigen auf dem Schulhof ist.« Maik aus Freiburg und Paul aus Bremen eint die Liebe zu ihrem Verein und zu ihrer Kurve. Paul sagt: »Ich glaube dadurch, dass man sich in einer so großen Gruppe aufhält, guckt man eher, wie die Leute vom charakterlichen her sind als vom äußerlichen. Bei den Leuten in der Schule in meinem Alter sind so Wörter wie ›Schwuchtel‹ oder ›Fotze‹ normale Schimpfwörter. Und ich hinterfrage halt, warum; wieso man solche Wörter nicht sagen sollte. Man guckt einfach anders auf die Gesellschaft. Mit Leuten in meinem Alter kann ich irgendwie nicht so viel anfangen. Die haben halt andere Interessen. Die machen einfach das, was normal ist. Aber in der Welt läuft so viel falsch. Die denken da gar nicht drüber nach.« Was Ultra für ihn bedeutet? »Mein ganzes Leben hat irgendwie mit Ultra zu tun. Das weiß meine Mutter auch. Sie weiß auch, dass es mir schlechter gehen würde, wenn sie mir das wegnehmen würde«, erklärt Paul. Die Frage, was Ultra für ihn bedeutet ist auch für Maik leicht zu beantworten: »Fußball ist ja für viele Leute nur, zu saufen. Dieses Koma-Saufen, was auch viele Jugendliche machen. Das passiert eben bei so Ultragruppen nicht, dass man einfach nur zum Fußball geht, um sich die Kante zu geben. Man geht da mit einer ganz anderen Intention hin. Man geht ja dahin, um den Verein zu unterstützen und überlegt sich, was man beim nächsten Spiel machen könnte – welche Choreo man machen könnte und so weiter.« Wie Paul hat auch Maik durch den Umgang in der Ultragruppe gelernt, offen auf Andere zuzugehen: »Man geht zum Fußball, man kann sich da engagieren. Man lernt unterschiedliche Leute kennen. Zum Beispiel Ultras aus Ägypten. Das war ein großer Einfluss. Das hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin.«

Polizeihauptkommissar Haarstrich hat ein anderes Bild über Jugendliche in den Ultraszenen, als es Paul und Maik abgeben: »Wir haben herausgefunden, dass die Jugendlichen aus den Ultrabewegungen selber vorgeschickt werden, um gewisse Situationen hervorzurufen. Bei Kontakten mit verfeindeten Fangruppen oder auch mit der Polizei beispielsweise müssen sie dann eine gewisse Mutprobe machen und werden dann vorgeschickt. Die weitere Eskalation wird dann von den Ultras selber ausgeführt aber die ersten Schritte, das Provozieren, wird dann durch die Jugendlichen vorgenommen«, berichtet Haarstrich. Gewalt gehört für viele Ultras dazu – jedoch bei weitem nicht für alle. Die Bandbreite ist groß, Differenzierung wichtig. Das meint der Fanforscher Jonas Gabler. Angesprochen auf die Darstellung von »Mutproben« für Jugendliche in den Ultraszenen sagt er: »Ich schließe nicht aus, dass es in Ultragruppen so etwas gibt wie Mutproben. Nicht unbedingt explizit, aber implizit gibt es sicher Anerkennung für bestimmte Verhaltensweisen. Ich kann mir auch vorstellen, dass Jugendliche als Späher fungieren. Aber die Logik, die da postuliert wird, kann ich mir nicht vorstellen: Der Ultraführer steht auf dem Hügel und schickt seine Jugend los, um Situationen zu provozieren und dann seine anderen Truppen vorzuschicken – das ist ein instrumentalisierender Blick. Ich bezweifle, dass es derart militärische Strukturen gibt. Es ist problematisch, so etwas generalisierend zu formulieren. Es kann sein, dass das in einem Fall so gewesen ist, aber mir kommt das ein bisschen überzogen vor.« Sig Zelt vom Fanbündnis »ProFans« hält ein solches Vorgehen zwar für untypisch, meint jedoch auch, dass Jugendliche in Ultragruppen durchaus in schwierige Situationen kommen könnten. Umso wichtiger sei die Rolle der Polizei: »Das geschilderte Vorgehen ist definitiv nicht typisch für Ultragruppen, gezieltes Provozieren von Polizeikräften schon gleich gar nicht. Im Gegenteil, man ist ja bemüht, der Polizei möglichst aus dem Weg zu gehen. Gleichwohl gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen, und ich schließe gar nicht aus, dass sich da und dort neue, junge Gruppenmitglieder schon zu prekären Handlungen gedrängt gesehen haben. Umso wichtiger ist es, die längerfristigen Folgen polizeilichen Handelns im Auge zu behalten. Wenn unter der Vorgabe der Prävention aus allen Rohren gegen die Gruppen geschossen wird, stärkt man, ob gewollt oder nicht, mehr und mehr extreme Kräfte. Begegnet man den Ultras hingegen fair mit Augenmaß, können sich Besonnenere durchsetzen. Ich kann nur appellieren, die aktiven Fans, von denen Ultras ein wichtiger Teil sind, nicht ›aufzugeben‹, sondern das Positive in ihnen anzuerkennen und zu stärken. Das ist die beste und wirksamste Prävention.«

Radikalisierung von außen

Auch Daniel Behm vom Fan-Projekt Bremen ist Differenzierung wichtig. Er meint, die Gefährderanschreiben der Polizei könnten eventuell sogar kontraproduktiv wirken: »Es kann auch sein, dass es sozusagen zur self fullfilling prophecy wird. Dass das, was da beschrieben wird, für die Jugendlichen bisher gar keine Rolle gespielt hat, sie sich nun aber in so eine Rolle gesteckt fühlen und diese Rolle dann auch annehmen.« Hinzu komme, dass die Fangruppen ohnehin regelmäßig kritische Situationen mit der Polizei erleben würden: »Wenn man regelmäßig zum Fußball fährt, erlebt man ja öfter solche Situation, in denen man sich hinterher denkt: ›So ein Verhalten hätte ich von der Polizei nicht erwartet‹, wo man sich ungerecht behandelt fühlt.« Paul berichtet: »Durch den Fußball merkt man sowieso schon, dass bei der Polizei einige Sachen falsch laufen; dass die sich öfter mal daneben benehmen. Nach diesen Briefen zweifelt man noch mehr an der Polizei. Man hat nichts getan und die Eltern werden von der Polizei so belästigt.«

Aus dem Fanbündnis »ProFans« kommt harsche Kritik an den Maßnahmen der Polizei: »Wenn die Polizei im Rahmen von Präventionsarbeit Eltern einen Hinweis gibt, könnte man das ja als gutgemeinten Versuch sehen. Aber, ganz abgesehen davon, dass es wohlweislich regelmäßig um Jugendliche geht, die unbescholten sind: Wovor sollen diese denn bewahrt werden? Wir haben immer mehr den Eindruck, dass die Polizei Ultragruppen wie kriminelle Organisationen behandelt. Aber das sind sie nicht! In den Innenministerien und auch beim DFB scheint es zunehmend Meinungen zu geben, dass Ultras und überhaupt aktive Fans nur noch mit Repression, Staatsgewalt und Kollektivstrafen zu bändigen seien. Diese Leute haben die Fanszenen aufgegeben, stellen sich ihnen geradezu feindlich entgegen, anstatt die moderaten, besonnenen Kräfte in den Szenen zu stärken. Was für ein fataler Fehler!«, meint Sig Zelt. Er betont, dass Gefährderanschreiben an die Eltern die Gruppenkonstellationen negativ beeinflussen könnten: »Den Gruppen mangelt es ja nicht an Nachwuchs, ganz im Gegenteil. Ein solcher Brief wird in jenen Elternhäusern Wirkung haben, wo mit kulturellen und sozialen Werten besonders achtsam umgegangen wird. Im Falle des ›Erfolges‹ zieht sich dann eine Person mit solchem positivem Hintergrund zurück, und jemand anderes nimmt ihren Platz ein. Damit wird die Zusammensetzung der Gruppen beeinflusst, und zwar eher in entgegengesetzter Richtung zu der, die man bezwecken sollte.«

Eine Gefahr der Radikalisierung von außen durch die Polizei formulieren auch die Eltern eines Mitgliedes der »Supporters Crew Freiburg«. Die von den Fans herausgegebene Dokumentation zum Thema Jugendschutz enthält ein Statement von Eltern eines damalig minderjährigen Mitglieds der Gruppe: »In letzter Zeit wird keine Gelegenheit ausgelassen – sei es durch einseitige Presse- oder Polizeiberichte –, das Bild einer jugendgefährdenden Organisation zu zeichnen, die gewaltbereiten Chaoten Unterstützung bietet. Gerade als Eltern, die mit den üblichen Bedenken in diese Beziehung gestartet sind, sehen wir hier die große Gefahr, dass eine bestimmte Gruppe von Fans von außen radikalisiert und somit auch kriminalisiert wird.« Die Polizei muss sich also fragen lassen, ob die Gefährderanschreiben an die Eltern minderjähriger Ultras nicht die Kugel in einer Kanone sind, mit der sie letztlich auf Spatzen zielt. Der Schuss – Prävention durch Gefährderanschreiben – könnte jedenfalls auch nach hinten losgehen.

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