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»IT WAS A GAME AGAINST THE NAZIS…«

Januar 4th, 2013 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

Fußball ist ein Massenphänomen - und auch im Nationalsozialismus erfreute er sich großer Beliebtheit. Neuere historische Forschungen zeigen sogar: Selbst in den Konzentrationslagern wurde Fußball gespielt. Für die Häftlinge war er Ablenkung und Bedrohung zugleich. Doch auch die Nazis verbanden mit dem runden Leder ihre ganz eigenen Interessen. 

Von Patrick Stegemann
(Erschienen in Ausgabe 3 - Das Interview mit dem Zeitzeugen Milos Dobry ist ebenfalls in der Printausgabe zu lesen)

It was a game against the nazis

Man kann sich Milos Dobry heute noch gut in einem Fußballtrikot vorstellen: groß gewachsen und mit wachen Augen erscheint er auch mit seinen 90 Jahren irgendwie noch, als stünde er im Tor. Sein Gang ist mittlerweile schleppend geworden, sein Rücken leicht gebeugt, doch seine Schilderungen trägt er mit derart großer Emphase vor, dass sein Überlebenskampf in den deutschen Konzentrationslagern greifbar wird.

»Ich habe es nicht als Spiel begriffen, aber als Herausforderung gegen die Nazis, gegen die SS«, sagt Dobry heute, wenn er von seinem Überleben der Shoah spricht.

Er, der sich selbst als geborenen Sportler beschreibt, habe auch überleben können, weil der Sport ihm die Kraft dazu gegeben habe. Er berichtet von Fußballturnieren in Theresienstadt und vereinzelten Spielen in Auschwitz. Dobrys Schilderungen wirken verstörend: Fußball passt nicht in unsere Vorstellung der Vernichtungslager. Tatsächlich steht Sport für all das, was wir nicht mit dem Lageralltag in Verbindung bringen: Gesundheit, Vitalität, Freizeit. Dabei spielte Sport in fast allen Konzentrationslagern der Nazis eine entscheidende Rolle. Er diente anfangs vor allem der Demütigung, war Mittel der Strafe und Züchtigung. Entkräftete Häftlinge mussten stundenlang exerzieren, herumlaufen und herumspringen. Diese Art des Sports haben fast alle Häftlinge erlebt. Schilderungen dazu finden sich in vielerlei Quellen.  Auch Thomas Geve, der als Jugendlicher Auschwitz, Groß-Rosen und Buchenwald überlebte und heute in Israel wohnt, erinnert sich an diese Art des »Sportmachens«: »Wir mussten Strafsport machen. Da gab es besondere Übungen, wir mussten uns im Dreck rollen, herumspringen, laufen. Das kam sehr oft vor.«

Dass Sport als Mittel der Gewalt genutzt wurde, vermag auf den zweiten Blick eigentlich nicht zu verwundern. Es passt in die militärische Ordnung, die die Deutschen in den Konzentrationslagern durchzusetzen versuchten. Dennoch: Gewalt durch Sport war eine besonders perfide Form der Folter. Häftlinge wurden gequält, indem sie gezwungen wurden, sich bis zur Erschöpfung zu bewegen. Die Wachmannschaften konnten so Gewalt ausüben, ohne selbst aktiv zu werden. Sie befahlen den Häftlingen, sich selbst zu quälen.

Doch neben der Folter durch Sport gab es fast überall auch organisierte Sportveranstaltungen: Boxen, Turnen – und vor allem Fußball. Lange war über diese Seite des Lageralltags kaum etwas bekannt. Überlebende der Konzentrationslager fürchteten wohl auch, Geschichten über Fußball und Sport im Lager würden den Eindruck erwecken, dass es eigentlich gar nicht so schlimm gewesen sei. Auch für Historiker galt das Thema lange als heikel. Selbst in dem vom DFB in Auftrag gegebenem Buch »Fußball unterm Hakenkreuz«, das vor nunmehr sieben Jahren erschien, fehlt dieser Aspekt des fußballerischen Lebens in der NS-Diktatur.

Erste Hinweise auf organisierten Sport gibt es dabei eigentlich schon lange. Der Publizist Eugen Kogon berichtet davon bereits 1946  in seinem Buch »Der SS-Staat – Das System der deutschen Konzentrationslager«, das noch heute als Standardwerk über die NS-Verbrechen gilt. Dort schildert Kogon, der selbst Gefangener in Buchenwald war, wie die Häftlinge die Erlaubnis zum Fußballspielen erhielten. »Die SS scheint es als eine Art Reklameschild für den guten Zustand der Häftlinge angesehen zu haben. Es bildeten sich mehrere Mannschaften, anfangs auch eine Judenmannschaft, die später verboten wurde.«

»Denn tatsächlich: In Theresienstadt gab es eine eigene Fußballliga, die regelmäßig Meisterschaften austrug. Gespielt wurde meist mit sieben Spielern in zwei Halbzeiten zu je 35 Minuten.«

Kogons Schilderungen zeigen vor allem Eines: Fußballspielen im KZ war auch eine spezielle, sehr perfide Form der NS-Propaganda. Beispielhaft dafür ist ein Propagandafilm, den die Nazis 1944 über das Konzentrationslager Theresienstadt drehten. Der Film wurde bekannt unter dem Titel »Der Führer schenkt den Juden eine Stadt« und sollte der Weltöffentlichkeit glauben machen, dass die Juden in Theresienstadt ein normales Leben führten, in dem es an nichts fehle. In dem Film ist neben diversen Musikaufführungen und einer Kinderoper auch ein Fußballspiel zu sehen. Die Kopie des Originalfilms verschwand nach Kriegsende und nur Teile blieben erhalten, darunter auch jene Szene, die ein Spiel in der sogenannten Dresdner Kaserne mit 3.500 begeisterten Zuschauern zeigt. Gestellt war diese Szene – im Gegensatz zu anderen Teilen des Films – nach Zeitzeugenaussagen nicht. Denn tatsächlich: In Theresienstadt gab es eine eigene Fußballliga, die regelmäßig Meisterschaften austrug. Gespielt wurde meist mit sieben Spielern in zwei Halbzeiten zu je 35 Minuten.

Eine eigens gegründete »Fachgruppe Fußball« kümmerte sich um das Regelwerk, eine Schiedsrichterkommission bildete die Unparteiischen aus. Die Begegnungen lauteten zum Beispiel Kleiderkammer gegen Ghettowache oder – nach der Herkunft der Häftlinge – Praga gegen F.C. Wien.

Sogar eigene Sportmagazine wurden herausgebracht, von denen eines erhalten blieb: die heimlich angefertigte Kinderzeitschirft »rim rim rim«. Der Titel entstammt dem Anfeuerungsruf einer Jugendmannschaft in Theresienstadt: »Vorwärts Adler, rim, rim, rim«. In tschechischer Sprache gab es dort eine weitreichende Berichterstattung über die Spiele der Jugend und der Erwachsenen in Theresienstadt – in der Auflage einer Handvoll kopierter Exemplare.

Die Liga Therezin – ihre Geschichte lässt sich wohl am besten in der Gedenkstätte »Beit Theresienstadt« (was auf Deutsch so viel bedeutet wie das »Haus Theresienstadt«) nachvollziehen. In dem Kibbuz Givat Haim zwischen Tel Aviv und Haifa hat Oded Breda eine Gedenkstätte errichtet. Vor sieben Jahren begab er sich auf die Suche nach der Geschichte seiner Familie. Sein Anhaltspunkt war ein kleines Schwarz-Weiß-Foto, auf dem sein Onkel Pawel Breda zu sehen ist. Es zeigt den jungen Mann in weißem Shirt und schwarzer Hose auf einem Fußballfeld auflaufen.  Das Bild ließ ihn nicht mehr los. Bei seinem zweiten Besuch in Theresienstadt entwickelte er die Idee, auf dem »Fußballplatz« des Ghettos das Spiel nachzuspielen. Aus der Idee wurde nichts, doch fortan setzte Breda alles daran, die Geschichte der Liga in Theresienstadt weiter zu erforschen und publik zu machen.  Er gibt seine Anstellung bei einer Hightech-Firma auf und widmet sich fortan dem Aufbau des Museums »Beit Theresienstadt«. Fußball, sagt der 59-jährige Breda, könne eine Brücke zur Vergangenheit schlagen. »Gerade für junge Leute kann es die Vergangenheit näher bringen, wenn sie etwas über das Leben im Lager wissen«, sagt er. Vor einem Jahr hat auch eine Delegation des »Deutschen Fußball Bundes«  die Gedenkstätte besucht. Neben der Museumsarbeit hat Breda in diesem Jahr mit Förderern aus den USA und Israel einen Film über die Liga Therezin produziert. Der Film ist überschrieben mit der Zeile: »It was a game against the Nazis...«

So organisiert wie in Theresienstadt war der Fußball in anderen Konzentrationslagern nicht. Nichtsdestotrotz: Fast überall wurde gespielt – vor allem in der zweiten Phase des Krieges.

Denn ab 1942 änderten die Nazis teilweise ihre Politik in den Lagern: Die durch die Massenmobilisierung fehlenden Arbeitskräfte sollten durch die Ausbeutung in den Konzentrationslagern ersetzt werden. Für die Nazis steckte dahinter ein ganz eigenes Kalkül, wie die Historikern Veronika Springmann erklärt, die an der Humboldt Universität über Sport im Konzentrationslager forscht. »Ab ʼ42 verändert sich für viele Häftlinge die Situation in den Konzentrationslagern, weil die Arbeitskraft für die Rüstungsindustrie so wichtig wird. Und als Anreizsystem wird dann das Fußballspielen erlaubt.«

1942 führte Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, ein Prämiensystem für Häftlinge ein – mit dem Ziel, die Arbeitsmoral zu steigern und für die Rüstungsindustrie auszubeuten. Teil dieses Plans war auch das Fußballspielen. Für fast alle Lager finden sich Belege dafür: neben Buchenwald ebenso für Sachsenhausen oder Mauthausen – und auch Auschwitz. Dort lag der Platz direkt neben dem Krematorium. Auch Milos Dobry hat in Auschwitz einst Fußball gespielt, wenngleich er kaum die Kraft dafür aufwenden konnte. »In Auschwitz war die Versorgung so schlecht, da war es kaum möglich, Sport zu machen. Jeder hatte Hunger«, berichtet Dobry.

Keinesfalls durften alle Häftlinge Fußball spielen. Judenmannschaften waren meist verboten, in manchen Lagern gab es erst gar keine Sportveranstaltungen.

Wer spielen durfte und wer nicht, entschied die SS: Vor allem jungen, kräftigen, männlichen Gefangenen wurde diese »Gunst« zuteil. Mit Kalkül: Die Historikerin Springmann nennt dies das System von »Gunst und Gewalt«, mit dem die Nazis den Lageralltag beherrschten. »Also dahinter steht immer dieses Grundprinzip des devide et impera – also teile und herrsche.« Fußball stellt für die Nazis demnach eine Möglichkeit dar, die Häftlingsgemeinschaft zu sortieren und zu spalten, denn natürlich durfte nur eine sehr kleine Gruppe überhaupt am Spiel teilnehmen.

»Diese »Gunst« des Fußballspiels konnte jedoch auch in ihr Gegenteil umschlagen: In nackte Gewalt.«

Diese »Gunst« des Fußballspiels konnte jedoch auch in ihr Gegenteil umschlagen: In nackte Gewalt. So gab es laut Veronika Springmann auch Fälle, in denen entkräftete Häftlinge zum Spiel gezwungen wurden – zur Belustigung der Wachmannschaften.

Für manche KZ-Häftlinge bedeutete Fußballspielen unabhängig vom System »Gunst und Gewalt« schlicht – Überleben. Überliefert ist die Geschichte des österreichischen Profis Ignaz Feldmann, der in einem Nebenlager von Auschwitz von einem SS-Unterscharführer erkannt wurde – beide spielten vor dem Krieg in der ersten Österreichischen Liga. Dieser Umstand machte aus Feldmann einen Protegé der SS und lies ihn überleben.

Natürlich schützte fußballerisches Talent nur die Wenigsten vor dem Vernichtungswahn der Nazis. Die Lebensgeschichte des siebenmaligen deutschen Nationalspielers Julius Hirsch legt davon Zeugnis ab. Der begnadete Fußballer wurde 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft aus seinem Verein Karlsruher FV ausgeschlossen und 1943 in Auschwitz vergast. Dass auch er dort Fußball spielte, ist indes nicht überliefert.

Fußball bot für Spieler – aber auch Zuschauer – die Möglichkeit, für wenige Augenblicke der Allgegenwart von  Gewalt und Vernichtung im Lager zu entfliehen, sich für die Länge eines Fußballspiels in eine Parallelwelt zu begeben. Und mehr noch: Fußball konnte auch als eine Art innerer Widerstand den Häftlingen Kraft geben, glaubt Veronika Springmann: »Zum einen konnten die Häftlinge Kontakt mit anderen aufbauen und dadurch so etwas wie eine Solidarität entwickeln. Wichtig ist aber auch dies: Sie konnten genau das, was im Konzentrationslager zerstört werden sollte, wieder stärken – nämlich den Körper.«

Wie eng Fußball und Vernichtung nebeneinander existierten, schildert der Schriftsteller und Auschwitzüberlebende Tadeusz Borowski in seiner autobiographischen Geschichte »Menschen, die gingen«. Hierin beschreibt er eine Fußballszene in Auschwitz: »Der Ball wanderte von Fuß zu Fuß und kehrte in einem Bogen vors Tor zurück. Ich wehrte ihn ab, aber er ging ins Aus – Ecke. Wieder ging ich ihn holen. Als ich ihn aufhob erstarrte ich: die Rampe war leer... Ich ging mit dem Ball zurück und gab ihn zur Ecke. Zwischen zwei Eckbällen hatte man hinter meinem Rücken dreitausend Menschen vergast.« █

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