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„WIR WOLLEN AUCH DIE WEIBLICHEN FANS REPRÄSENTIEREN“

Januar 2nd, 2015 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

Seit drei Jahren gibt es die Initiative „Fußballfans gegen Homophobie“ mittlerweile. Wir sprachen mit Christian Rudolph darüber, wie die Diskussion um Homosexualität im Fußball sich in dieser Zeit verändert hat, warum Homophobie und Sexismus keine grundverschiedenen Themen sind und inwiefern das Coming-out Thomas Hitzlspergers die Debatte beeinflusste.

Das Interview führte Pavel Brunßen | Fotos: Fußballfans gegen Homophobie

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TRANSPARENT: Ende 2014 gab es anlässlich des dreijährigen Bestehens von „Fußballfans gegen Homophobie“ ein Netzwerktreffen in Berlin. Was war Thema?

CHRISTIAN RUDOLPH: Das Treffen stand unter dem Motto „Frauen im Fußball zwischen Sexismus und Selbstermächtigung“. Wir haben überlegt, wie wir das Thema Sexismus und Frauen im Fußball besser in unsere Initiative integrieren können. Da es z.B. für mich ein Thema ist, mit dem ich mich bisher noch nicht so intensiv beschäftigt habe, war es für mich wichtig, erst mal Input und Austausch zu bekommen.

Wie habt ihr das dann konkret auf dem Treffen umgesetzt?

Es gab einen Vortrag von Almut Sülzle zum Thema „Selbstermächtigungs- und  Organisierungsstrategien weiblicher und queerer Fußballfans“. Daran anschließend haben wir uns dann in Diskussionen begeben. Interessant war für mich insbesondere der Austausch mit Frauen aus Ultragruppen. So habe ich bemerkt, dass Frauen sich häufig viel mehr Gedanken darüber machen müssen, wie sie im Stadion wahrgenommen werden. So scheint der männliche Fußballfan sich in seiner Rolle mit Grölen und Saufen recht wohl zu fühlen.

In welchem Zusammenhang stehen denn die Themen Homophobie und Sexismus?

Wir sind der Ansicht, dass man die Themen Homophobie und Sexismus nicht grundsätzlich trennen kann. Viele Mechanismen der Homophobie, wie Vorstellungen von Geschlechterrollen, begründen oft auch Sexismus.

Wie groß ist das Problem des Sexismus in den Fußballstadien?

Mittlerweile ist es so, dass ganze Fan- und Ultragruppen sich Sexismus offen auf die Fahne schreiben, sich also ganz bewusst sexistisch verhalten. Doch das Problem geht bis in die Verbands- und Vereinsebene: Fußball wird häufig als Raum der Männer angesehen, in denen Frauen jetzt eindringen wollen. Da sage ich ganz klar: Der Fußball ist für alle da.

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Das Banner der Inititative in der Fankurve von Werder Bremen.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Fangruppen, die sich gegen Sexismus positionieren bis hin zu autarken Frauen-Ultragruppen.

Darüber haben wir auch diskutiert. Wir halten das für eine hervorragende Möglichkeit, Frauen im Fußball sichtbarer zu machen. Frauengruppen können zudem einen bewussteren und anderen Umgang ermöglichen und Diskussionen über bestimmte Zustände in den Fankurven in Gang setzen.

Gibt es noch andere Ansätze, wie ihr die Sichtbarkeit von Frauen fördern möchtet?

Eine Möglichkeit wäre es z.B., Frauen eine Stimme zu geben und in Interviews vorzustellen. Generell finde ich es auch einfach wichtig, Frauen zu bestärken. Idee wäre es z.B., mal ein reines Frauen-Fanturnier zu organisieren.

Und wie könnte dem Problem von Seiten der Vereine begegnet werden?

Eine Idee ist eine Frauenquote von 30 Prozent in Vereinen und Verbänden. Frauen sind z.B. in den Führungsebenen der Vereine oftmals unterrepräsentiert und werden u.a. dadurch oft benachteiligt, so z.B. wenn es darum geht, wer den Trainingsplatz um 16 Uhr benutzen darf und wer vielleicht erst um 22 Uhr trainieren kann. Vereine könnten auch auf homophobe und sexistische Banner in den Stadien reagieren. Vielleicht nicht erst hinterher, sondern direkt im Stadion dazu auffordern, das Banner abzuhängen.

Also du siehst die Vereine da auch in der Pflicht?

Ja, nicht nur die Spieler und die Fans. Auch die Betreuer, Geschäftsführer, Trainer oder Jugendteams. Die Fußballvereine werden heute wie Unternehmen geführt. Selbst in der Wirtschaft ist angekommen, das Diversity ein sehr wichtiger Faktor ist, um qualifiziertes Personal zu bekommen und dass es wichtig ist, dass die Unternehmen sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Genauso erwarte ich das vom Fußball.

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Nicht nur Fans positionieren sich gegen Homophobie im Fußball.

Es gibt ja viele Faktoren, die einen Einfluss auf Geschlechterbilder haben. Wie schätzt du z.B. die Rolle der Medienberichterstattung ein?

Das sehen wir sehr kritisch, so prägen die Medien oft ein bestimmtes Frauenbild – z.B. die Werbung von der ARD „Männer waren schon immer so“, in welcher die Brüste als Bälle dargestellt worden sind. Ansonsten kommt das Thema „Frauen und Fußball“ in den Medien so gut wie gar nicht vor. Da kann man ja schon fast froh sein, wenn das Ergebnis von Turbine Potsdam mal in der Berliner Zeitung erwähnt wird.

Großes Diskussionsthema war das Coming-out von Thomas Hitzlsperger.

Das Coming-out selber war gar nicht so relevant, auch wenn die Frage natürlich immer fällt. Wichtig ist aber, dass er damit Diskussionen anstoßen wollte und das ist ihm ja auch gelungen. Ein Coming-out ist ja etwas sehr, sehr Privates. Aber wie privat kann man im Fußball sein? Es geht ja nicht nur darum, mit wem gehe ich in die Kiste, sondern man will ja auch sein Verliebt-sein zeigen. Vielleicht mal zusammen in ein Eiscafé gehen, zusammen leben etc.

Ein Coming-out im Fußball ist also besonders schwierig?

Ja, denn was mache ich z.B., wenn ich mich vielleicht in einem Verein wohlfühle, dann aber den Verein wechseln will? Geht das überhaupt? Wenn da überhaupt keine Sensibilisierung da ist. Man hört da viel von unter der Dusche. Na ja, wie viel Sexualität findet unter der Dusche statt? Es gibt so Vorbehalte, dass dadurch ein Teamgefüge kaputt gemacht wird. Nachher sind da zwei schwule Fußballer im Team und vielleicht mögen sich die auch noch. Da wären wir dann auch schon wieder beim Thema Sexismus, denn wie ist das, wenn eine Frau z.B. als Betreuerin arbeitet? Solche Themen spielen da eine Rolle und ich denke, dass es deshalb nicht ganz einfach ist. Da gilt es, eine Selbstverständlichkeit zu schaffen und Diskussionen anzustoßen. Hitzlsperger hat dafür einen großen Beitrag geleistet und ich habe das Gefühl, die sexuelle Orientierung von Thomas Hitzlsperger hat ein Stück weit an Selbstverständlichkeit gewonnen. Wenn er z.B. bei der WM ganz selbstverständlich als Fußballexperte gefragt wurde, dann ist das doch ein sehr gutes Signal.

2007 hat Philipp Lahm ein Interview für das Schwulenmagazin „Front“ gegeben. Auch darum gab es eine größere Diskussion.

Ich fand das Interview damals sehr gut, vor allem, weil er das mit einer großen Selbstverständlichkeit gegeben hat. Inzwischen ist er da deutlich distanzierter. Vielleicht auch, weil er selbst Diskriminierung erfahren hat und nur noch auf das Thema angesprochen wird. Er äußert sich inzwischen recht distanziert. Wenn er jetzt nach einem Coming-out gefragt wird, dann sagt er: „Das ist nicht möglich“. Damit hat er recht, aber er als Medienprofi weiß auch, was seine Aussagen bewirken. Ich fänd es gut, wenn er die Frage ehrlich, aber positiv beantwortet und sagt: „Ich würde mir wünschen, dass es möglich ist.“

Noch einmal zurück zur Initiative: Wie kam die Idee zustande?

Der Ursprung liegt bei Tennis Borussia Berlin, die Initiative ist aber vereinsunabhängig. Wir wollten als TeBe-Fans zum CSD, der 2011 unter dem Motto „Sport“ stattfand, ein Banner gegen Homophobie machen. Kurz danach haben wir das Banner bei einem Fanturnier aufgehangen. Dort entstand dann die Idee, eine kleine Tour mit befreundeten Fangruppierungen zu machen. Dann kam alles ganz anders und es gab immer mehr interessierte Fangruppen und so hat sich daraus dann die Initiative entwickelt.

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Der Ursprung der „Fußballfans gegen Homophobie“: Die Fans von TeBe Berlin.

Über dieses Statement hinaus hat sich also noch viel mehr entwickelt?

Die erste Station im Profifußball war der FC St. Pauli und kurze Zeit darauf hing das Banner dann beim Hamburger SV. Das fand ich total beeindruckend, dass dort über typische Fußballbefindlichkeiten hinweggeschaut wurde und auch traditionell eher verfeindete Fangruppierungen gesagt haben: „Wir wollen uns dem Thema annehmen“. Beim HSV wurden wir dann sogar zu einer Diskussion im Rahmen des Spiels eingeladen und ein Text von uns ist im Stadionmagazin erschienen.

Warum funktionierte das so gut?

So eine Aktion kann nur funktionieren, wenn sie aus der Fanszene heraus entwickelt wird. Das Banner ist ein einfaches Mittel, um sich zu positionieren und gewisse Diskussionen anzustoßen. Wir haben aktuell etwa 100 Standorte, an denen das Banner war. Ob es jetzt bei Ultragruppen, bei Vereinen oder in der Freizeitliga hing. Auch bei einer Univeranstaltung hing das Banner schon. Wir waren sogar mal mit einer englischsprachigen Variante des Banners in Kroatien, nachdem wir uns bei unserem ersten Netzwerktreffen damit beschäftigt hatten, wie wir das Thema auch international einbringen können. Auch eine Anfrage aus Thessaloniki fand ich interessant, da ist das Thema Homophobie ja vielleicht auch noch einmal ein anderes als in Deutschland. Das Banner war u.a. auch noch in Dänemark, Spanien und Norwegen.

Gab es auch Probleme?

Beim HSV gab es auch Gegenwind. Dort wurde die Aktion in einem Fanforum diskutiert. Aber was da halt passiert ist, ist, dass die Organisatoren von der Antidiskriminierungs-AG die besseren Argumente hatten und dadurch wurde das dann auch akzeptiert.

Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft: Wie sehen die nächsten Projekte von „Fußballfans gegen Homophobie“ aus?

Es gibt so viele Ideen, die wir gar nicht alle umsetzen können. Gerne würden wir z.B. Workshops und Vorträge offensiver angehen. Wir werden zwar regelmäßig angefragt, aber da sind die Kapazitäten einfach nicht immer so da. Trotzdem sehen wir Aufklärung und Sensibilisierung als einen Kern unserer Arbeit. Es gibt z.B. auch die Idee einer Broschüre zum Thema, die von Fans für Fans geschrieben und verteilt wird. Außerdem wird das Banner um ein weibliches Kussmotiv ergänzt, um auch die weiblichen Fans mit zu repräsentieren, anzusprechen und auch die Homophobie im Frauenfußball zu thematisieren.

ffgh

Mehr Infos zu der Initiative: http://fussballfansgegenhomophobie.blogsport.de

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