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GESPRÄCHE GEGEN DAS MISSTRAUEN

September 9th, 2012 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

Der Umgang zwischen Fußballfans, Journalisten und Verbänden birgt für alle Seiten Diskussionspotential. Bei den Mainzer Fantagen wurde diese Diskussion von den Fans offensiv gesucht - und vom DFB nicht angenommen.
Von Maximilian Schmitt

„Dialogbereitschaft“ ist eines der meistbenutzten Wörter in der Debatte zur Sicherheit in deutschen Fußballstadien. Ein Wort, das die Mainzer Fanszene beherzigt und mit den Mainzer Fantagen, die vom 6.-13. September stattfinden, eine bundesweit einzigartige Veranstaltung ins Leben gerufen hat. Inspiriert vom Berliner Fankongress sollen bei Podiumsdiskussionen, Workshops und Filmabenden zu regionalen wie überregionalen Themen Gespräche mit allen Akteuren des Fußballs geführt werden. Samstag war der Haupttag der gesamten Veranstaltung. Während die Repressions- und Fanarbeitworkshops eher mäßige Resonanz verzeichnen mussten, kannte der Andrang bei der abendlichen Podiumsdiskussion kaum Grenzen. „Sogenannte Fans verbreiten Angst und Schrecken? – Fußballfans in der öffentlichen Wahrnehmung“ lautete das Thema und über 300 Fans aus allen Altersschichten wollten hören, wie Wissenschaftler, Journalisten und Verbandsvertreter mit ihnen anstatt über sie redeten.

Die Organisatoren der Mainzer Fanszene schafften es, ein hochkarätiges Podium zusammenzustellen. Die Journalisten Achim Scheu (SWR) und Andrej Reisin (u.A. publikative.org), Fan Michael Grüber, (Fanclub Handkäsmafia), Fanforscher Jonas Gabler und DFL-Vertreter Thomas Schneider (Leiter Fanangelegenheiten) diskutierten unter der lockeren und souveränen Moderation von Michael Gabriel (Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte) kontrovers über die Konflikte zwischen Journalisten, Fußballfans und Fußballverbänden.

Podiumsgast Achim Scheu, Reporter beim SWR, forderte dabei mehr Verständnis für seine Kollegen. Durch den Druck der schnellen Berichterstattung könnten Mitteilungen der Ultras häufig nicht gelesen werden, da diese selten zeitnah kämen. Die Ultras sollen seiner Meinung nach ihr „Feindbild Medien“ abbauen und ihre Pressearbeit professionalisieren. Der freie Journalist Andrej Reisin ging kritischer mit seinem Berufsstand um und bemerkte, dass eine so hysterische Debatte wie es sie in diesem Sommer gab, die logische Folge davon sei, dass Beckmann und Scholl wie „live aus Afghanistan“ berichten. Dieser Argumentation folgte auch Michael Grüber, der Vertreter der Mainzer Fangruppe „Handkäsmafia“. Er forderte die Journalisten dazu auf, ihre journalistische Sorgfaltspflicht ernster zu nehmen. „Die vielen tendenziösen Berichte haben für Misstrauen gesorgt“, bekräftigte er. Trotz der gegenseitigen Kritik zeigten beide Seiten während der sachlichen Diskussion zunehmend Verständnis für den Gegenüber.

Doch auch bei dieser Veranstaltung scheiterte der gesuchte Dialog mit DFB/ DFL bereits im Ansatz. Trotz aller entgegengesetzten Worte und Pressemitteilungen wurde er von den Institutionen verweigert. Bereits Monate vor Beginn der Veranstaltung wurden diese zu der Diskussion eingeladen. Eine Antwort bekamen die Veranstalter erst, als sie über die Medien einen offenen Brief an DFB und DFL richteten. Der DFB sagte auf Grund des Länderspielwochenendes ab, die DFL schickte kurzfristig Thomas Schneider, den Leiter der Fanangelegenheiten. Von diesem war außer ein paar warmen Worten für die anwesenden Fans jedoch nicht viel zu hören. Keine kontroverse Diskussion, kein Aufzeigen von Perspektiven. Stattdessen wurde der schwarze Peter der Politik zugeschoben. Die Innenminister hätten einen „Männerschwur“ geleistet und ließen gar nicht mehr mit sich reden. Für derartige Ausreden zeigte nicht nur Andrej Reisin wenig Verständnis, der aufzeigte, dass es für die mächtigen Verbände deutlich mehr Möglichkeiten gäbe sich in die Politik einzubringen, als es zur Zeit der Fall ist. Die Verbände müssten seiner Meinung nach aktiv versuchen, Mehrheiten für ihre Positionen zu sammeln.

Durch die Verweigerungshaltung von Politik und Verbänden würden hingegen die Hardliner in den Fanszenen gestärkt, die sämtliche Gespräche ablehnen, so Gabler. Das sei dann in etwa wie „zwei Züge, die unvermindert aufeinander zu rasen“. Laut Reisin wäre der Ausgang relativ klar. „Die Fans können gegen Medien, Politik und Polizei nicht gewinnen.“ Bei diesem Szenario wären auch die Stehplätze bald Geschichte, deren Bedeutung als „Begegnungsort“ (Jonas Gabler) verschiedener sozialer Schichten, Altersgruppen, Geschlechter und sexueller Ausrichtungen von allen Podiumsgästen hervorgehoben wurde.

Verhindern kann die Abschaffung nur ein offener und sachlicher Dialog, wie ihn die Mainzer Fanszene diese Woche angeboten hat. Verweigert wurde er wieder einmal vom DFB. Heute Abend sitzt der Sicherheitsbeauftragte des DFB, Hendrik Große Lefert, bei Sky und talkt über den „Fußball im Kreuzfeuer der Gewalt“. Ohne Fanvertreter. Die Anfrage dafür kam erst letzte Woche - es ist immer noch Länderspielwochenende. Für eine Diskussion über Fans scheint der DFB Zeit zu haben. Für ein Gespräch mit ihnen nicht. 
Mainz-Fan und Mitorganisator Michael Grüber sprach deshalb sicherlich vielen Anwesenden aus dem Herzen als er sagte: „Der DFB muss sich schämen!“ █

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