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FUSSBALL IST POLITIK UND POLITIK WAR IMMER SCHON FUSSBALL

Juni 4th, 2013 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

Die heutige Gestalt der Fankultur in Deutschland wäre nicht denkbar ohne die Vorgänge auf den Stehplatzrängen in den vorangegagenen Jahrzehnten. Politische Tendenzen spielten dabei eine große Rolle. Ein Rückblick auf die politischen Wurzeln der heutigen Fankultur.

Von Peter Römer

(Erschienen in Ausgabe 5)

Fußball ist Politik

 »Mittlerweile ist ein Welt- und Feindbild gewachsen, das für alle Mitglieder schon fast verbindlich ist: Erstens »Kanaken raus, ab nach Anatolien«, zweitens wäre die Sache klarzumachen mit Rotfront, der Anarcho- und Hausbesetzerszene;« Und: »Früher, sagen sie, »war Deutschland von den Juden besetzt wie heute von den Türken. Hitler hat damals die Stube reingefegt«.«

Ausschnitte aus einem SPIEGEL-Artikel über den HSV-Fanclub »Die Löwen« aus dem November 1982. Was SPIEGEL-Redakteur Peter Seewald hier beschrieb, hätte ebenso gut eine Schilderung über die damals aktive, von Michael Kühnen gegründete »Aktionsfront Nationaler Sozialisten« (ANS) sein können, denn die Überschneidungen zwischen dieser neonazistischen Organisation und dem Fanclub »Die Löwen« sind vielfach belegt worden. Auch die Aussagen, die Seewald bei einem Treffen mit den »Löwen« dokumentiert hat, sind vornehmlich antisemitisch und rassistisch. Nichtsdestotrotz waren »Die Löwen« in erster Linie ein Fanclub des HSV, dessen Mitglieder ihr politisches Weltbild auch in die Westkurve trugen. »Die Löwen« existieren übrigens bis heute, wenn auch gealtert und mit Mitgliederaustausch. Anfang der 80er Jahre drückten sie dem »Block E« der Westkurve ihren Stempel auf – was durchaus wörtlich zu nehmen ist: Der HSV-Fan Bernd Kroschewski berichtete in einem Interview mit der Zeitschrift »11 Freunde« davon, dass er damals Aufkleber der »Hamburger Liste für Ausländerstop« aus der Westkurve kratzen musste, einer Partei, die 1982 erstmals bei der Hamburger Bürgerschaftswahl antrat, und deren einziges Ziel es war, die Migration nicht-deutscher Menschen nach Hamburg zu stoppen.

»Horst-Wessel-Lied« und Flugblatt-Aktionen

Der Artikel aus dem SPIEGEL verweist auf eine Zeit, in der Fußball als »Proletensport« galt und viele deutsche Kurven rechtsextrem geprägt wurden. Die Zuschauerzahlen waren rückläufig, das Interesse der Mittelschicht nach der WM 1974 schrittweise zurückgegangen. Der Zuschauerschnitt der Bundesliga sank binnen nur drei Jahren, zwischen 1979 und 1982, von 26.000 auf etwa 21.000, in den darauf folgenden Jahren brachen die Besucherzahlen noch weiter ein.

Ein Klima entstand, in dem der »Männersport Fußball« zu einem sehr großen Prozentsatz von eher proletarisch geprägten Männern besucht wurde und in dem der Hooliganismus verstärkt in Bundesliga-Stadien Einzug hielt. Michael Kühnen, als integrative Führungsfigur der Naziszene, gab genau in dieser Zeit die Losung aus, in den Stadien Nachwuchs zu rekrutieren. So ist es kein Zufall, dass die ersten explizit gewaltbereiten deutschen Fanclubs sich in dieser Zeit gründeten, aber eben auch recht schnell politisch radikalisiert worden sind. Neben Hooliganismus hatte die zu dieser Zeit vornehmlich rechtsextrem unterwanderte Subkultur der Skinheads Einfluss auf die neuen Platzhirsche in deutschen Stadien. Zu nennen sind hierbei neben den »Löwen« etwa die »Adlerfront« bei Eintracht Frankfurt oder die »Neckar Fils« beim VfB Stuttgart. Die »Neckar Fils« und die »Adlerfront« bildeten das Parteisymbol der damals auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs befindlichen, rechtsextremen »British National Front« auf ihre Fahne ab bzw. wandelten dieses leicht ab. Es blieb nicht bei rechtsradikaler Symbolik, sondern es fanden eben auch explizit politische Äußerungen und Aktionen statt. So wird im SPIEGEL-Artikel beschrieben, dass »Die Löwen« nach dem vom Autor besuchten Heimspiel auf das Hamburger Volksfest »Dom« gingen, um Auseinandersetzungen mit türkischen Jugendgangs zu suchen – unter Slogans wie: »Die SA marschiert, bis alles in Scherben fällt«.

Deutsche Hooligans vergleichen sich in einem Fanzine mit der »SA«

Auch die »Borussenfront« gründete sich 1982, auch wenn der Zusammenschluss der beteiligten Personen bereits zuvor existierte. Noch deutlicher als die anderen hier genannten Fan-Gruppierungen fiel dieser BVB-Fanclub in den frühen 80er Jahren durch rechtsextreme Agitation im und um das Stadion herum auf. Überfälle auf türkische Gaststätten mit Gaspistolen und schwere Körperverletzungen wurden ihnen von einem zeitgenössischen Faltblatt der »Deutsch-Ausländischen Freundschafts-Initiative« zugeschrieben, in dem auch verharmlosende Polizeireaktionen geschildert werden. So wird berichtet, dass »Sieg Heil«-Rufe der Gruppe von Polizisten damals teilweise als »Sieg geil«-Rufe interpretiert worden sind. Dieselbe Geisteshaltung, die sich in rassistisch motivierten Überfällen in der Stadt äußerte, wurde auch ins Westfalenstadion getragen. Die »Borussenfront« beleidigte nach Angaben des Faltblatts in dieser Zeit gezielt ausländische Spieler. Zur Zielscheibe ihrer Sprechchöre wurden sowohl İlyas Tüfekçi von Schalke 04 als auch der rumänische BVB-Spieler Marcel Răducanu. Zudem berichten Beobachter, dass auf der Südtribüne des Öfteren eine »Borussenfront«-Variation des »Horst-Wessel Lieds« angestimmt wurde, ein Kampflied der SA, das im selbsternannten »Dritten Reich« eine Art zweite Nationalhymne war und 1945 verboten worden ist. Fußball und rechtsextreme Politik waren bei der »Borussenfront« aufs Engste miteinander verbunden, was auch durch eine Flugblatt-Aktion belegt ist, die zum Besuch des Länderspiels Deutschland-Türkei in Berlin 1983 aufrief, um dem »stinkenden Türkenpack« den Kampf anzusagen.

Anderer gesellschaftlicher Stellenwert des »Proletensports«

All jene Gruppen einte, dass rechtsradikale Symboliken und Äußerungen zwar teilweise auch als Provokationen genutzt wurden, andererseits aber auch in der Ideologie der Gruppen verankert waren, auch wenn rechtsextreme Politik für die einzelnen Gruppen unterschiedlich wichtig war. Eine Verharmlosung dieser Zustände, wie zunächst von Seiten der Dortmunder Polizei geschehen, war nur aufgrund eines anderen gesellschaftlichen Stellenwerts des Fußballs in der Gesellschaft der 80er Jahre zu verstehen. Die Medienberichterstattung über Fußball und vor allem dem allwöchentlichen Geschehen auf den Rängen war längst noch nicht so ausgeprägt wie heute. Die »Sportschau« fühlte sich fast ausschließlich zur Berichterstattung der Ereignisse auf dem Rasen verpflichtet, oft liefen neben Berichten über dem Trabrennsport Ausschnitte aus nur drei Bundesligaspielen. Vergleichsweise wenig Raum wurde daher dem Treiben auf den Rängen gewidmet, auf denen allzu oft rechtsextreme Umtriebe stattfanden, ohne dass dies groß sanktioniert oder unterbunden worden ist. Nur bei tragischen Ereignissen, wie dem Tod von Werder-Fan Adrian Maleika, der bei Auseinandersetzungen mit HSV-Fans im Herbst 1982 starb, versuchten Medien zeitweilig näher auf die Menschen einzugehen, die für gewöhnlich ins Stadion gingen. Die Bundesliga-Stadien waren weniger Bühne der Nation als vielmehr Bühne von Männern aus der Unterschicht.

Linke Gegenbewegungen auf den Rängen

Dieser gesellschaftliche Stellenwert nicht nur des Fußballs an sich, sondern auch der Fankultur wurde nach und nach verändert. Was in den Stadien passierte, wurde abnehmend als Angelegenheit des männlichen Proletariats angesehen. Äußerst langsam, aber doch stetig, wurden die Fankurven zu diskriminierungsärmeren Räumen. Teile dieser Entwicklung setzten bereits vor dem Aufkommen der Ultra-Kultur ein. Neben einer wachsenden medialen Aufmerksamkeit waren dabei Bewegungen »von unten« maßgeblich beteiligt. Ab Mitte der 1980er Jahre entwickelte sich im Umfeld des FC St. Pauli auf der Gegengerade des Stadions am Millerntor eine linke Alternative zum rechten Mainstream in den meisten anderen deutschen Stadien. Menschen aus dem von Hausbesetzern geprägten Stadtteil St. Pauli schlossen sich zu einem »Schwarzen Block« beim Fußball zusammen und verdrängten nach einer kurzen Zeit der Co-Existenz alt-eingesessene Nazi-Fans, wie den Fanclub »United«, aus dem Stadion und positionierten sich auch nach außen hin deutlich gegen Rechtsextremismus. Diese Entwicklung zog nicht nur Menschen aus der Westkurve des Volksparkstadions ans Millerntor, sondern hatte Fanal-Wirkung für ein selbstbewussteres Auftreten von Fans in ganz Deutschland, denen der rechte Mainstream auf den Stehplatztraversen zuwider war. Auswärtsspiele des FC St. Pauli wurden zu einem Ort, an dem sich die lokale Antifa- und Punkszene versammelte. Aber auch Selbstverständnisse in anderen Kurven wandelten sich. Nach dem Vorbild der »St. Pauli-Fans gegen Rechts«-Aufkleber legten Fans vieler Vereine in den frühen 90er Jahren ein daran angelehntes Motiv mit identischer Aussage auf.

Flyer der Initiative »Wattenscheid-Fans gegen Rechts«

Auch der Aufkleber »Wattenscheid-Fans gegen Rechts« kursierte in dieser Zeit. Der damalige Erstligist hatte mit Souleyman Sané einen Spieler in seinen Reihen, der oftmals zur Zielscheibe rassistischer Sprechchöre und Aktionen wurde. Urwald-Laute und Bananen-Würfe begleiteten ihn in einigen Stadien Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre. Er kommentierte in einem Interview eben solches Verhalten von HSV-Fans im Achtelfinale des DFB-Pokals 1990/91, bei dem er in der 87. Minute das Siegtor schoss mit: »Nix Neger raus, HSV ist raus!« In einem Interview mit »reviersport« 2007 interpretierte er diese rassistischen Auswüchse wie folgt: »Sie [die rassistisch auffallenden Fans, Anm. des Verfassers] fürchteten sich regelrecht. Es gab seinerzeit sehr wenige Schwarze in Deutschland. In manchen Dörfern kannten die Bewohner dunkelhäutige Menschen nur aus dem Fernsehen – sie hatten Afrikaner noch nie zuvor in Natura gesehen. Für diese Leute war das ein richtiger Schock, als sie das erste Mal einen Afrikaner an der Ampel sahen. Und in der Bundesliga waren Schwarze auch die Ausnahme.«

Für politische Äußerungen und Verhaltensweisen im Stadion gab es nach und nach eine höhere öffentliche Aufmerksamkeit, die durch Fangruppierungen eingefordert wurde. Es blieb nicht nur bei Sticker-Designs: »Wattenscheid-Fans gegen Rechts« wurde zu einer Fan-Initiative, die sich auf die proletarischen Wurzeln ihres Viertels berief und daraus eine Absage an Rassismus formulierte: »Wattenscheid ist Arbeiter/innen-Hochburg und gerade Arbeiter/innen müssen zusammenhalten – egal welcher Nation oder Kultur!«, heißt es in einem Flyer von 1993. Deutlich wird hier auch dazu aufgerufen, damals alltägliche und heute kaum noch in dieser Deutlichkeit auftretende Missstände in deutschen Stadien zu beseitigen. Politische Fanarbeit bedeute »im Stadion das Hissen von Reichskriegsflaggen und das Rufen von Sprüchen wie „Husch, Husch, Husch – Neger in den Busch!“ oder „Asylanten, Asylanten zu verhindern.« Man wolle entsprechend als Linke im Stadion akzeptiert werden.

Organisatorisch entstanden nun also Anlaufpunkte für eine nicht-rechte Fankultur, sowohl lokal, wie in Wattenscheid oder bei der Schalker Fan-Initiative, als auch bundesweit. Hierbei ist besonders BAFF hervorzuheben, das »Bündnis antifaschistischer Fußballfans«, später in »Bündnis aktiver Fußballfans« umbenannt. Ganz selbstverständlich wurden fanpolitische Themen, wie der Erhalt der Stehplätze, mit einer linken Haltung verbunden. Mit Erfolg, wie etwa der Absage des Länderspiels Deutschland – England. Dieses sollte am 20.4.1994 stattfinden, dem Geburtstag Adolf Hitlers. Zahlreiche rechtsextreme Gruppierungen hatten ihr Erscheinen angekündigt, der Protest dagegen veranlasste den englischen Verband zur Absage. Diese lokalen und bundesweiten Initiativen und Bündnisse schufen letztlich den Raum, in dem neben deutlich rechtsoffenen auch explizit linke Ultra-Gruppen in den 00er Jahren auftraten, um nach wie vor präsente Diskriminierungsformen zu thematisieren und teils mit Erfolg zurückzudrängen.

Brüchige Erzählung

Jedoch kann man die Geschichte der deutschen Fankultur nicht komplett in ein einheitliches politisches Narrativ – etwa rechtsextreme 80er, polarisierende 90er, linke 00er Jahre – bringen. Auch aus den 1980er Jahren existieren Bilder, die sich nicht an die gängige und auch hier entwickelte Erzählung halten:

Wieder die Stehplatztraversen der Hamburger Westkurve, wieder die beginnenden 80er Jahre: Ein Spruchband beim Spiel Hamburger SV – MSV Duisburg am 16.8.1980: »HSV schlägt Bayern, Hamburg stoppt Strauß«, daneben eine Rose in einer Faust. Das Symbol der »Jusos«, also eine Aktion jungsozialistisch organisierter HSV-Fans im Bundestagswahlkampf 1980, die vieles ist, aber sicherlich nicht rechts.

Eine von vielen Spuren, die darauf hinweisen, dass Politik jeglicher Art in unterschiedlichen Kontexten und Zeiten Bestandteil der deutschen Fankultur war und ist. Es gibt zahlreiche solcher Zeugnisse, die die Liedzeile »Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik« der bei rechtsextremem beliebten Bremer Hooligan-Band »Kategorie C« als schlicht falsch entlarven.

Dabei wurden hier nur Beispiele aus Westdeutschland und den letzten gut dreißig Jahren herangezogen. Die politisch aufgeladene Stimmung bei vielen Spielen der DDR-Oberliga folgte eigenen Regeln und spezifischen Thematiken. Ganz sicher aber waren auch hier politische Themen präsent, wurde Fußball als politische Bühne genutzt, aber auch politische Botschaften mit Vereinsunterstützung verknüpft. Ein Muster also, welches nicht die Ultras in deutsche Stadien gebracht haben. Um dies erkennen zu können, genügt dieser kurze Blick in die jüngere Vergangenheit deutscher Fankultur. █

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