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DREI SCHRITTE VOM ABGRUND ENTFERNT

Dezember 18th, 2012 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

Das DFL-Papier »Sicheres Stadionerlebnis« ist verabschiedet, die Stimmung weiter angespannt. Viele Fans protestieren und fordern einen Dialog auf Augenhöhe. Doch welche Rolle spielt der Fußball eigentlich für Anhänger und Funktionäre? Jan Tölva über Interessenskonflikte und die aktuellen Problemfelder im Verhältnis zwischen Fans und Verbänden.

Von Jan Tölva
(Erschienen in Ausgabe 3)
Sicheres Stadionerlebnis

Ein Sonntagnachmittag in Hamburg. Dank der herbstlichen Oktobersonne ist es, zumindest wenn man nicht im Schatten steht, unerwartet warm. Es gab mal Zeiten, in denen in Fußballdeutschland der Sonntag Spielen der Amateurmannschaften vorbehalten war, doch diese Zeiten liegen mittlerweile Jahrzehnte zurück. Mittlerweile werden die Spiele der Bundesliga zu fünf verschiedenen Anstoßzeiten, verteilt auf Freitag, Samstag und Sonntag, ausgetragen. Die Spiele der 2. Bundesliga finden zu vier Anstoßzeiten an vier verschiedenen Tagen statt, und keine einzige dieser Anstoßzeiten, weder Freitag 18 Uhr, noch Samstag 13 Uhr und schon gar nicht Montag 20.15 Uhr, kann auch nur halbwegs als fanfreundlich bezeichnet werden. Und auch an diesem Sonntag um 13.30 Uhr sehen etliche der dennoch über 20.000 Menschen, die ins Millerntorstadion in der Hamburger Innenstadt gekommen sind, um das Spiel zwischen dem FC St. Pauli und der SG Dynamo Dresden zu sehen, noch reichlich verschlafen aus. Kein Wunder, immerhin liegt Dresden selbst bei idealer Verkehrslage und mit einem Auto, das kein Reisebus ist, mindestens fünf Stunden von der Hansestadt entfernt. Wer also pünktlich zum Spiel von der einen Stadt an der Elbe in die andere reisen möchte, musste früh aufstehen an diesem Sonntag. Selbst wer aus dem Hamburger Umland angereist ist, wird auf das ausgedehnte Sonntagsfrühstück mit der Familie wohl verzichtet haben und wer selbst in einem Verein gegen den Ball tritt, muss halt in vielen Fällen leider Prioritäten setzen.

»Profifußball ist nur noch bedingt ein Sport, er ist vor allem eine Ware, ein Geschäft, an manchen Orten eine regelrechte Industrie.«

Prioritätensetzung ist vielleicht sogar genau das richtige Stichwort, denn es scheint so, als ob genau hier ein entscheidendes Problem liegt. War in seiner mythischen Frühzeit der Fußball noch vor allem ein Sport, eine Leibesertüchtigung, eine Freizeitbeschäftigung, so ist heute ein gewisser Teil des Systems Fußball von dieser Logik nahezu gänzlich entkoppelt. Profifußball ist nur noch bedingt ein Sport, er ist vor allem eine Ware, ein Geschäft, an manchen Orten eine regelrechte Industrie. Dazu passt, dass die Spiele der beiden Bundesligen im Männerfußball heute nicht mehr vom Deutschen Fußballbund (DFB), also einem eingetragenen Verein, sondern im Wesentlichen von der Deutschen Fußball Liga GmbH (DFL) betrieben werden. Während es beim DFB für die Menschen an der Basis wenigstens in der Theorie noch die Möglichkeit gab und gibt, über die einzelnen Landesverbände Einfluss zu nehmen, ist die Sachlage bei der DFL eine völlig andere. Die DFL ist der Zusammenschluss der 36 deutschen Profivereine und vertritt als dieser nach außen und auch gegenüber dem DFB deren Interessen, denn – und das ist durchaus bemerkenswert – die DFL ist ordentliches Mitglied des DFB, die jeweiligen Erst- und Zweitligavereine sind es seit über zehn Jahren nicht mehr. Während der DFB ein gemeinnütziger Verein ist und laut Satzung auch bestimmte Werte vermitteln will und »Gesellschaftspolitische Aspekte mit den Möglichkeiten des Fußballs angemessen zu unterstützen« gedenkt, sind die Aufgaben der DFL gänzlich andere. Sie soll den Spielbetrieb der von ihr betriebenen Ligen organisieren, die Marke »Bundesliga« vermarkten und sich selbst »zu einem Dienstleistungsunternehmen« weiterentwickeln. Anders gesagt: Es geht ihr nicht um den Sport, sondern ganz ausdrücklich um Geld, um Profit, um Kapitalvermehrung.

Wenn also, wie an diesem Sonntagmittag in Hamburg, die Fans im Gästeblock den DFB per Choreographie als »hässliche Fratze des Fußball« bezeichnen, dann liegen sie damit knapp daneben. Im Vergleich zur DFL zumindest ist der DFB, der immerhin durch die Organisation der unzähligen unterklassigen Ligen dieser Republik wichtige soziale Arbeit leistet, eine wahre Augenweide. Für die Fans und Ultras der SG Dynamo ging es wohl aber auch mehr darum, den Gegensatz zwischen Verbänden auf der einen und Fans auf der anderen Seite zu verdeutlichen, denn nur kurze Zeit später verschwindet das in Schwarz, Weiß und Grau gehaltene Bild des DFB und der Block leuchtet in der prallen Sonne in den schwarz-gelben Vereinsfarben der Dresdner. Gelber Rauch steigt auf. Am Zaun hängt ein großes Banner. »Die Leidenschaft des Fußballs« steht darauf zu lesen, und tatsächlich scheint für die Menschen dort im von der Polizei, Ordnungsdienst und Kameras bewachten Gästeblock Fußball eine völlig andere Bedeutung zu haben als für die Führungsgremien von DFB und DFL, die spätestens nach dem Abgang von Theo Zwanziger und dem Amtsantritt seines Nachfolgers Wolfgang Niersbach, der offenkundig mit den sozialromantischen Anwandlungen von Fußball als gesellschaftlicher und nicht bloß wirtschaftlicher Akteur reichlich wenig am Hut hat, was den Profifußball angeht wieder ganz an einem Strang ziehen.

So ist es auch der DFB und nicht die DFL, der durch seine Sportgerichtsbarkeit dem FC St. Pauli einige Wochen später eine Strafe von einigen Tausend Euro aufdrückt, weil dessen Ultras in der Südkurve durch das koordinierte Werfen von Kassenrollen den Anpfiff des Spiels hinausgezögert haben. Dass so etwas im Gegensatz zu rassistischen, homophoben oder sonst wie diskriminierenden Äußerungen, die in den seltensten Fällen und falls überhaupt, dann erst nach einem öffentlichen Aufschrei in den Medien, für den DFB ein dringend zu sanktionierendes Problem darstellt, liegt auf der Hand. Immerhin hat die DFL ein wirtschaftliches Interesse daran, dass die Sendeanstalten, die bei ihr das Recht zur Übertragung von Ligaspielen eingekauft haben, diese auch zu genau der Zeit übertragen können, die vereinbart worden ist. Es geht hier um Werbeminuten. Es geht um Geld.

Dass jedoch die SG Dynamo Dresden nicht im gleichen Atemzug zur Zahlung einer Geldstrafe oder gar zu Schlimmerem verurteilt worden ist, verwundert dann doch ein wenig. Immerhin war im Gästeblock gleich an zwei Stellen Rauch aufgestiegen und der Gebrauch von Pyrotechnik wird von Seiten der DFL ja für gewöhnlich und auch in ihrem aktuell heiß diskutierten Arbeitspapier »Sicheres Stadionerlebnis« in einem Atemzug mit den Schlagwörtern Rassismus und Gewalt genannt, ganz so, als sei es ohnehin alles mehr oder weniger dasselbe. Dabei sind Rassismus und Gewalt tatsächlich schlecht für die kommerziellen Interessen der Liga, weil sie deren Image nachhaltigen Schaden zufügen können. Pyrotechnik dagegen scheint auf Image und Vermarktbarkeit der Liga keinen negativen Einfluss zu haben. Jedenfalls steigen Gebrauch von Pyrotechnik, Zuschauerzahlen und Einnahmen seit Jahren in bestem Einvernehmen. Die Fans in der Kurve lieben Pyros und die auf der Tribüne oder vor den Fernsehschirmen finden sie oft wenigstens schön anzusehen. Es sei denn natürlich, es werden Bengalos, Leuchtraketen oder Böller auf andere Menschen geworfen, aber dann sprechen wir auch nicht mehr von Pyrotechnik, sondern ganz klar von Gewalt, und das ist wieder ein anderes Thema. Selbst Initiativen aus der Ultraszene, die versuchen, eine Lösung für das Pyrotechnikproblem zu finden, distanzieren sich klar und deutlich von derlei Umtrieben. Alleine sie will auf Verbandsseite niemand hören. Wie denn auch, wenn die Verantwortlichen bei der DFL offenbar Bengalos nicht von rassistischen Beleidigungen oder Faustschlägen unterscheiden können?

Szenenwechsel. Großraum München. Zwei Wochen später. Der FC Bayern München empfängt in der Bundesliga die Eintracht aus Frankfurt. Vor der Gästekurve der Allianz Arena stehen zwei weiße Zelte, die ein wenig an die des »Roten Kreuzes« bei Open-Air-Festivals erinnern, doch geht es in diesem Fall nicht um die notärztliche Betreuung von alkoholisierten Festivalbesuchern, sondern um die effektivere Durchsuchung der Gästefans. In ihrem Papier »Sicheres Stadionerlebnis« hatte die DFL von derlei Einrichtungen und von der Durchführung sogenannter »Vollkontrollen« gesprochen. Die »Ultras Frankfurt« spekulierten daher bereits im Vorfeld über ein mögliches »Nackt Machen im Zelt« und äußerten deutliche Kritik. Ähnlich wie die Ultras äußerte auch die Frankfurter Fanorganisation »Nordwestkurve« Verwunderung darüber, dass derart schweres Geschütz ausgerechnet beim Gastspiel der Eintracht in München aufgefahren wird, wo doch die Duelle der beiden Teams in den vergangenen Jahren kaum friedlicher hätten sein können. Nicht einmal Pyrotechnik sei von Frankfurter Seite in der Allianz Arena gezündet worden. Von gewalttätigen Auseinandersetzungen mal ganz zu schweigen.
Der FC Bayern München wertete das Vorgehen dennoch als Erfolg. Dabei waren von den über 6.000 angereisten Frankfurtern nicht einmal 40 tatsächlich in eines der Zelte gebeten worden und hatten sich auch dort nur ihrer Jacke entledigen, nicht aber sich gänzlich ausziehen müssen. Zweihundert Frankfurter Fans hatten es in Anbetracht des Vorgehens der Sicherheitskräfte ohnehin vorgezogen, das Spiel, das immerhin ein absolutes Topspiel zwischen Erstem und Drittem in der Tabelle war, nicht zu besuchen und sind aus Protest draußen geblieben. Ein Teil der Ultras soll zudem einfach einen anderen Eingang benutzt und sich so den Kontrollen entzogen haben. Da verwunderte die schnell verbreitete Meldung, die Polizei hätte bei ihren Kontrollen »20 Messer, 2 Schlagstöcke, 1 Schlagring, 1 Sturmhaube, Pfefferspray und Kokain sichergestellt« dann doch ein wenig. Dabei war diese Nachricht nicht einmal falsch, sie verschwieg nur geflissentlich zu erwähnen, dass diese Gegenstände nicht bei den weniger als 40 in den Zelten Durchsuchten, sondern bei den über 70.000 Stadionbesuchern insgesamt gefunden worden waren. Ob auch nur einer der Funde in einem der beiden Zelte gemacht wurde, ging aus der Meldung nicht hervor und wurde auch in der Folge nicht preisgegeben.

All das erinnert doch ein wenig an die alte Geschichte von den Spatzen und den Kanonen und doch steckt mehr dahinter. Zwar wies die DFL nur wenige Tage später noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass »Vollkontrollen« von ihr nicht vorgeschrieben werden und diese »künftig wohl im Ermessen der Vereine« liegen sollen, doch auch hier ist wieder viel wichtiger, was nicht gesagt wird. Mit keinem Wort erwähnt werden nämlich mögliche Konsequenzen für Vereine, die »nach eigenem Ermessen« eben solche Kontrollen nicht durchführen wollen. Die Einschätzung, dass ein solcher Verein, sollte es dann beim darauffolgenden Spiel tatsächlich zum Einsatz von Pyrotechnik oder anderen Vergehen kommen, von der für die Sanktionierung zuständigen Sportgerichtsbarkeit des DFB mit einer härteren Strafe belegt wird, weil er ja fahrlässig keine härteren Kontrollen durchgeführt habe, scheint doch mehr als wahrscheinlich. Das Ergebnis dürfte also das gleiche sein – mit dem Unterschied, dass es die Vereine und nicht die DFL sind, die die Wut der Fans auf sich ziehen.

Diese »Vollkontrollen« sind jedoch nicht die einzige Ungeheuerlichkeit, die sich in dem DFL-Papier »Sicheres Stadionerlebnis« verbirgt. Wer es eingehend studiert, läuft durchaus Gefahr, von dauerhaftem Kopfschütteln ein mittleres Schleudertrauma davonzutragen. Dementsprechend vernichtend fiel auch die Kritik aus dem Lager der aktiven Fanszene aus. Einen Versuch »mit aller Macht grundlegende rechtsstaatliche Prinzipien für Fußballfans außer Kraft zu setzen« nannte es etwa der bekannte St. Pauli-Blog »Magischer FC«, von »Verstößen gegen die Datenschutzbestimmungen« und einer »Paralleljustiz zum deutschen Strafrecht« sprach die Hamburger Ultragruppe »Chosen Few«, von »Sippenhaft« und »drakonischen Maßnahmen« der Fanausschuss des VfB Stuttgart. Auch die »Arbeitsgemeinschaft Fananwälte« schlägt in ihrer Stellungnahme zum Thema einen scharfen Ton an und spricht von »polizeistaatlichen Phantasien«.

Was jedoch in der Tat überraschend ist, dass auch zahlreiche Vereine das Papier mit teilweise ausgesprochen harten Worten kritisieren. Der FC St. Pauli etwa nannte die vorgeschlagenen Maßnahmen »unverhältnismäßig, unangemessen und in Teilen unzweckmäßig« und beorderte umgehend – wohl um weiteren Imageschaden zu vermeiden – seinen Vizepräsidenten Dr. Gernot Stenger aus der für das Papier verantwortlichen »Kommission Sicherheit« zurück, der VfL Wolfsburg nannte das Konzept »rechtlich bedenklich, unverhältnismäßig, praxisfern und damit nicht zielführend« und Borussia Mönchengladbach sprach von »populistischen Maßnahmen«. Auch andere Vereine äußerten Bedenken, forderten die stärkere Einbindung der Fans oder kündigten an, dem Papier in dieser Form nicht zuzustimmen. Am deutlichsten jedoch positionierte sich der 1. FC Union Berlin, der nicht nur eine mehrere Seiten starke Stellungnahme veröffentlichte, die das Papier der DFL förmlich in seine Einzelteile zerlegte, sondern gleich zu einem Fangipfel einlud, der am 1. November im VIP-Zelt des heimischen Stadions an der Alten Försterei stattfinden sollte.

So fand sich dann auch tatsächlich die stattliche Zahl von rund 250 Fanvertretern aus 49 Vereinen der oberen drei Ligen an einem total verregneten Herbsttag im Berliner Stadtteil Köpenick ein und diskutierte die aktuelle Situation. Spätestens jedoch als DFL-Justiziar Jürgen Paepke, der an dem viel gescholtenen Papier mitgearbeitet hatte, für viele überraschend das Mikrofon ergriff, um mit »einigen Missverständnissen« aufzuräumen, wie er es nannte, war aus dem Diskutieren ein regelrechtes Sich-Luft-Machen geworden. Es spricht für den Mann, dass er sich einer derart großen Zahl von Menschen stellt, die er mit seiner Arbeit in hohem Maße verärgert hat, und dieser dann auch tatsächlich Rede und Antwort steht. Es spricht jedoch auch für den Verhandlungswillen der Fans, dass es dabei ausgesprochen sachlich zuging und der berechtigte Ärger nicht in Beleidigungen oder Beschimpfungen umschlug. Den von Seiten des Publikums vorgebrachten Argumenten hatte Paepke dennoch in den wenigsten Fällen etwas entgegenzusetzen. Vielleicht sind die Vorwürfe von mangelnder Rechtsstaatlichkeit, autoritären Anwandlungen und jedem demokratischen Grundsatz widersprechenden Kollektivstrafen aber auch einfach deshalb so schwer zu entkräften, weil sie schlicht wahr sind.

»...dabei handelt es sich – wer hätte es anders erwartet? – um die altbekannte Trias aus Rassismus, Gewalt und Pyrotechnik.«

Die geplante Einführung von sogenannten Fankodizes, auf die sich die Vereine der Profiligen mit ihren jeweiligen Fanszenen einigen sollen und die die dortigen relevanten Fangruppen zu unterschreiben haben, dürfte bei alledem einer der wichtigsten, aber auch fragwürdigsten Punkte sein, denn nicht nur sieht diese Regelung vor, dass bei Vergehen von Einzelnen die jeweilige Gruppe, der er angehört, bestraft werden soll, sondern auch, dass Fanclubs, die sich weigern zu unterschreiben, keine Eintrittskarten mehr bekommen und mit anderen Sanktionen belegt werden sollen. Vor allem aber gibt es eine Reihe von Punkten, die diese Kodizes neben individuell ausgearbeiteten Ergänzungen zwingend enthalten sollen, und dabei handelt es sich – wer hätte es anders erwartet? – um die altbekannte Trias aus Rassismus, Gewalt und Pyrotechnik.

Die ständig und stetig wiederholte Verbindung dieser drei Themenfelder ist nicht nur objektiv betrachtet völliger Unsinn, sie verunmöglicht auch in vielen Fällen den sachlichen und konkreten Dialog zwischen Fans, Vereinen und Verbänden. Es wäre um ein Vielfaches produktiver und zielführender, die drei Themen getrennt voneinander zu behandeln, da es durchaus möglich und weit verbreitet ist, zu dem einen »Ja« und zu dem anderen »Nein« zu sagen. So ist die Ablehnung von Rassismus mittlerweile in den meisten relevanten Kurven hierzulande mehr oder weniger Konsens. Zwar kommen rassistische Vorfälle noch immer regelmäßig vor, in den meisten Fällen gehen sie jedoch nicht von den tonangebenden Gruppen aus. Was die Gewalt angeht, so gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Von Pazifismus über einen »pragmatischen Umgang«, der Angriffe ablehnt, aber Selbstverteidigung als legitim ansieht, bis hin zu der Ansicht, dass Gewalt zum Fußball einfach dazu gehört, ist alles vertreten – und das sehr oft in ein und derselben Fankurve. Bei Pyrotechnik jedoch hört für viele der Spaß auf. Für einen Teil der Kurven und vor allem für die meisten Ultras ist sie ein unveräußerlicher Teil ihrer Fankultur. Der Großteil der aktiven Fans stört sich jedoch vor allem an der gegenwärtigen populistischen und jeder sachlichen Argumentation entbehrenden Debatte, in der fußballfremde Politiker und Talkmaster Dinge verteufeln, von denen sie schlicht keine Ahnung haben, während jede von Seiten der Fans ausgestreckte Hand ausgeschlagen, jeder Versuch, Modellversuche kontrollierten Abbrennens durchzuführen, leichtfertig vom Tisch gewischt wird. Das mag vielleicht bei CDU-Wählern und dem Eventpublikum auf der Haupttribüne gut ankommen, die überwiegende Mehrheit der aktiven Fans fühlt sich in dieser Diskussion nicht gehört, ignoriert und wie der letzte Dreck behandelt.

Wahrscheinlich ist genau das des Pudels Kern. Im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte haben sich Verbände, Vereine und Fans zunehmend voneinander entfremdet. Die Lebensrealität eines Niersbach oder Paepke hat einfach sehr wenig mit der der Fans in der Kurve zu tun. Sooft sie auch ins Stadion gehen mögen, sie müssen sich ganz sicher nicht entwürdigenden Kontrollen am Einlass unterziehen. Sie sind es nicht, die Pfefferspray in die Augen bekommen, wenn die Polizei großzügig gleich dutzendweise Menschen damit eindeckt, weil Einzelne sich in ihren Augen ungebührlich verhalten haben, und ihnen wird auch niemand ein Stadionverbot geben, nur weil irgendwer, der mit demselben Bus wie sie zum Spiel angereist ist, an einer Raststätte in eine Schlägerei geraten ist. Für sie sind Fußball und Fußballkultur etwas fundamental anderes als für die Fans aus Freiburg, die für ein einziges Auswärtspiel rund 800 Kilometer nach Hamburg fahren oder für die Ultras aus Dresden, die unter der Woche abendelang an einer Choreographie basteln, die am Ende keine drei Minuten dauern wird. Für sie – die Fans aus Freiburg, die Ultras aus Dresden und all die anderen – ist Fußball ihr Lebensinhalt oder zumindest ein sehr wichtiger Teil davon. Für Niersbach und für Paepke und den Rest der Frankfurter Mischpoke ist Fußball vor allem eines – ihr Job.

Genau hier und vor allem bei der Unfähigkeit der Verbandsoffiziellen, sich in die Lage und die Welt der Fans in der Kurve hineinzuversetzen, liegt eines der Hauptprobleme. Doch muss fairerweise auch gesagt werden, dass es umgekehrt mit der Empathie auch nicht viel besser steht. Nur wenige Fans scheinen sich einen Kopf darüber zu machen, unter welch enormem Druck DFB und DFL von Seiten der nach rechts tendierenden Bundesregierung und der auf die Auflage schielenden Medien stehen. Daher trifft Sven Brux, seines Zeichens Sicherheitschef des FC St. Pauli, einen wunden Punkt, wenn er, wie auf dem Fangipfel bei Union Berlin geschehen, die Fans dazu auffordert, sich einmal zu fragen, ob Pyrotechnik all das, all die Repression, all die möglichen Folgen bis hin zum Verlust der Stehplätze, wirklich wert ist, denn daran, dass die Verbände im Zweifelsfall am längeren Hebel sitzen, dürfte kein Zweifel bestehen.

Brux hat Recht, wenn er von beiden Seiten Kompromissbereitschaft fordert, denn ob man es will oder nicht, genau so funktioniert Demokratie – eine Tatsache, die offensichtlich auf beiden Seiten nicht von allen Beteiligten verstanden wird, und er hat ebenso Recht, wenn er sagt, dass DFB, DFL und der Staat die Macht haben, ihre Forderungen durchzusetzen. Fans und Ultras wären vielleicht in der Lage, sich eine letzte große Schlacht, eine letzte Saison voll Schall und Rauch und Hauereien zu liefern, doch wäre all das nicht mehr als eine zeitgenössische Adaption der Schlacht an den Thermopylen. Am Ende würden diejenigen, die Gesetz, Polizeiknüppel und ökonomische Macht auf ihrer Seite haben, sich durchsetzen. Doch würde auch ihr Erfolg bestenfalls ein Pyrrhussieg sein, denn – und hier hat Brux zum dritten Male Recht – das wäre »der Genickschuss für die DFL, die dann nämlich nichts mehr zu vermarkten hat«.

Tatsächlich sind schon heute Zuschauerzahlen und Sicherheitsstandards in Deutschland besser als in jedem anderen Land Europas. Spätestens wenn das financial fairplay-Konzept der UEFA greift, dürfte die Bundesliga ernsthaft gute Aussichten haben, dauerhaft die stärkste Liga Europas zu werden. Einen der zentralen Bausteine des Vermarktungskonzeptes der Bundesliga stellen jedoch die Fernsehgelder dar und wie wichtig ein gewisses Maß an Stimmung und Atmosphäre im Stadion ist, um auch weiterhin ein vermarktungsfähiges Produkt zu haben, zeigte sich nicht zuletzt beim Champions-League-Spiel zwischen Bayern München und dem OSC Lille, als es in der Allianz Arena trotz eines zeitweise spektakulären 6:1 der Bayern über weite Strecken des Spiels erschreckend still war, weil Teile der Fanszene in der Südkurve zum Stimmungsboykott aufgerufen hatten. Selbst ZDF-Kommentator Oliver Schmidt, der eigentlich von Amtswegen her zu Enthusiasmus verpflichtet ist, konnte sich ein »gespenstisch« nicht verkneifen.

Die Bundesliga braucht lebhafte Fankurven. Diese Lebhaftigkeit jedoch wird sich niemals voll und ganz kontrollieren lassen. Ein Stück weit scheint das mittlerweile auch nach Frankfurt durchgedrungen zu sein. Jedenfalls kommen von dort derzeit etwas leisere Töne. Von Dialog ist die Rede und von Missverständnissen. Vielleicht ist man dort aber auch bloß erschrocken darüber, wie stark und vor allem auch wie breit der Widerstand gegen das Arbeitspapier »Sicheres Stadionerlebnis« ist. Wenn selbst ein Gutteil der Vereine, in deren Interesse die DFL doch eigentlich handeln soll, sich gegen das Vorgehen des Ligaverbandes in Stellung bringt, dann kann da irgendetwas nicht ganz richtig sein. Vor allem aber sind es genau diese Vereine, die im Endeffekt dem Papier zustimmen müssen. Ohne sie geht es nicht und sie sind es auch, die dafür im Zweifelsfall von ihren jeweiligen Fans eins auf den Deckel bekommen.

Insofern scheint es angebracht – um noch ein letztes Mal Sven Brux zu zitieren, »das DFL-Papier jetzt und hier in die Tonne zu kloppen« und »die Reset-Taste zu drücken«. Natürlich kann das aber nur ein zwar notwendiger, aber keinesfalls ausreichender erster Schritt sein. Was der Fußball in Deutschland braucht, ist ein echter Dialog auf Augenhöhe, an dem Verbände, Vereine und Fans, idealerweise aber auch Kommunen, Polizei und lokale Träger von Einrichtungen sozialer Arbeit beteiligt sind. Nur so können langfristig tragfähige Konzepte erarbeitet werden, von denen am Ende alle Beteiligten profitieren.

Gewalt und Diskriminierung sollten tatsächlich aus den Stadien verschwinden, doch wäre es ein zweifelhafter Erfolg, wenn sie dafür anderswo gleich wieder auftauchen würden. Hier muss endlich Fußball als sozialer Raum, der für zahlreiche junge Menschen eine enorme Bedeutung hat, der sie sozialisiert und der ihnen Werte und Normen vermittelt, ernst genommen und die Rolle von Fanprojekten als Orte, an denen wichtige soziale Arbeit geleistet wird, gestärkt werden. Fußball und Fankultur sind schlicht zu groß und zu wichtig, als dass die Gesellschaft als Ganzes es sich leisten kann, hier nachlässig und fahrlässig Potential für Integration und gesellschaftliche Teilhabe zu verschludern.

Natürlich muss auch die Frage der Pyrotechnik geklärt werden und es ist ein Gebot der Vernunft, aber auch demokratischer Gepflogenheiten, dass hierbei Hardliner auf beiden Seiten von ihren ideologisch verhärteten Positionen abrücken. Vor allem die Verbände sollten sich hier fragen, welches Beispiel sie als wichtige gesellschaftliche Akteure der vor allem aus jungen Menschen bestehenden Fanszene vorleben wollen. Momentan ist die Botschaft, die sie aussenden, die, dass sich für eine Sache zu engagieren und sich an einem Dialog zu beteiligen zu nichts führt, weil am Ende doch derjenige gewinnt, der den größeren Knüppel in der Hand oder mehr Geld in der Tasche hat. Wenn das tatsächlich das ist, was DFL und DFB vermitteln wollen, dann wäre das mehr als traurig. Es wäre erschreckend.

Im Endeffekt wird aber auch all das nur ein Teil der Lösung sein. Was wir, also all jene, denen der Fußball am Herzen liegt, wirklich brauchen, ist eine Klärung der alles entscheidenden Frage, wem der Fußball gehört. Ist der Fußball wirklich nur eine Ware, die möglichst gewinnbringend an die Kundschaft zu bringen ist oder ist er ein Kulturgut, auf das wir alle ein unveräußerliches Recht haben, das uns nicht genommen werden und dessen Zugang uns nicht ohne guten Grund verwehrt werden darf? Ohne die abschließende Beantwortung dieser Frage wird jeder auszuhandelnde Kompromiss – so gut und wichtig er auch sein mag – ohnehin nur Stückwerk sein. █

Sicheres Stadionerlebnis

Illustrationen: Leon Rammert

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