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DIE STADT DER GEGENSÄTZLICHEN DERBYS

März 23rd, 2015 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

Ein Fußballderby ist ein Aufeinandertreffen zweier rivalisierender Teams mit hoher symbolischer Bedeutung für die Fans der Vereine. In Wien elektrisieren zwei Derbys, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die Menschen. Tiefe Ablehnung, mitunter gar Hass, prägt das »Wiener Derby« zwischen Austria und Rapid. Auf der anderen Seite treffen sich die Vienna und der Sportklub zum »Dörbi of Love«.

Von Marcel Storch | Fotos Marcel Storch, Andreas Ecker & Stephan Koessler
(Erschienen in Ausgabe 12)

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In Döbling, hoch im Norden Wiens, sitzen Ines, Slaven und Thomas im »Gasthaus zum Doppeladler«. Das Lokal im bürgerlichen 50er-Jahre-Stil ist beliebter Treffpunkt für die »Vienna Supporters« vor den Spielen ihres Vereins. Direkt um die Ecke, nur ein paar Treppenstufen hinauf, kündigt das Schild »Stadion Hohe Warte« die legendäre Heimat des First Vienna Football Club, des ältesten Fußballvereins Österreichs, an.

1894 von englischen Gärtnern gegründet ist der First Vienna FC im 19. Wiener Bezirk bis heute ein Archipel alternativer Fußballkultur geblieben. Die Vienna, so wird die alte Dame Wiens liebevoll genannt, ist nicht nur der älteste Verein Österreichs, sondern auch sechsfacher Landesmeister. Doch das ist lange her. Es war eines der spannendsten Duelle um die Meisterschaft, die Österreichs Fußball je erlebte, damals in der Saison 1954/55. Die Vienna und der Sportclub gleichauf bis zum letzten Spieltag. Es sollte das bessere Torverhältnis ausschlaggebend dafür sein, dass die Vienna letztmalig Meister wurde.

Im vergangenen August trafen sich die Meisterschaftsrivalen von einst wieder zum Duell auf der »Hohen Warte«. Doch diesmal ging es nicht um Titel, sondern ums Überleben in der Drittklassigkeit. Obwohl beide Teams in den letzten Jahrzehnten einen sportlichen Niedergang erlebten, hat das Aufeinandertreffen zwischen dem First Vienna FC und dem Wiener Sportklub nicht an Anziehungskraft verloren. Liebevoll wird es das »Dörbi of Love« genannt. Die beiden Vereine verbindet neben ihrer Tradition und der aktuellen Ligazugehörigkeit vor allem eine freundschaftliche Rivalität.

Tradition und Drittklassigkeit: Das »Dörbi of Love«

»Die Spiele gegen den Sportklub sind immer was Besonderes. Wenn statt 700 auf einmal 7.000 Zuschauer kommen und das Spiel wegen des Andrangs 20 Minuten später anfangen muss, da freut man sich schon«, erzählt Ines von den Supporters. Früher standen die beiden Fangruppierungen sogar gemeinsam in einem Block, die Tequilaflaschen wanderten durch die Kurve. Ob Nostalgiestraßenbahn, Fiaker oder weiße Stretch-Limousine – vor den Spielen versuchten sich beide Seiten mit ausgefallenen Anreisevarianten zu überbieten. Die Spiele sind stets eine riesige Party, inklusive Flitzer-Contests beider Fanlager. »Im Flitzen hatten wir nie eine Chance. Die Leute vom Sportklub kamen ja schon nackt«, scherzt Thomas.

Thomas war früher selbst Jugendspieler bei der Vienna. Er ist einer der Alteingesessenen aus Döbling und war schon Ende der 1980er-Jahre dabei, als die Fankultur bei der Vienna ihren Anfang nahm. »Wir waren junge Kerle aus der alternativen Szene, teils aus der Punkszene, und trafen bei der Vienna eben auf fanmäßiges Ödland. Da konnten wir uns entfalten«, erzählt er. Die »Döblinger Kojoten« entstanden als einer der ersten Fanclubs und übernahmen die britische Fankultur. Anarchie war das Leitmotiv im Support und in der Gruppe.

Mitte der 2000er kamen auch Ines und Slaven erstmals zur Vienna. Ines war zum Studieren aus der Nähe von Salzburg nach Wien gekommen. Als Kind ging sie oft zur Salzburger Austria, doch nach der Red-Bull-Übernahme kam dies für sie nicht mehr in Betracht. So entdeckte sie ihre Liebe zur Vienna. »Die Leute auf der ›Hohen Warte‹ sind einfach anders, das hat mir gefallen«, erzählt sie.

Slaven hat es bereits während der Schulzeit zu Österreichs ältestem Fußballclub hingezogen. Gemeinsam mit Freunden ging er vor Konzerten auf die »Hohe Warte«. »Irgendwann sind wir nicht mehr auf die Konzerte, sondern auf den Partys bei der Vienna geblieben«, erklärt er. Bald darauf gründeten sie einen Fanclub. Bei drei Südtirolern, einem Polen und Slaven aus Bosnien lag der Name »Vienna Wanderers« nahe. Seither haben sie dem blau-gelben Fanblock neues Leben eingehaucht. Es gibt einen stärkeren Ultra-Einschlag: Mit Choreografien, Spruchbändern, Bengalen, neuen melodischen Liedern, Fahnen und Doppelhaltern wird supportet. »Wir sehen uns aber nicht als Ultras. Bei uns wird es keinen Capo und kein Megafon geben«, klärt Slaven auf. Trommeln brauchen sie auf der »Hohen Warte« auch nicht. Dafür gibt es Edi, den Dudelsackspieler, der den Rhythmus vorgibt.

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Identitätsstifter »Hohe Warte«

Es ist eine Atmosphäre für Fußball-Romantiker, die man an der »Hohen Warte« antrifft. Hier entzauberte das österreichische Wunderteam angeführt vom »Papierenen«, dem legendären Matthias Sindelar, 1931 vor über 40.000 Zuschauern Schottland mit 5:0. Mittlerweile bröckelt der Putz ein wenig von den Wänden. Die Grasbahn im Rund des einst größten und modernsten Stadions in Kontinentaleuropa ist zum Teil für Zuschauer gesperrt. Aber seinen Charme von einst hat das Stadion behalten und wirkt wie ein antiquarisches Gegenstück zu all den modernen und gleich ausschauenden Stadien. Wo sonst trifft man schon den Gästetrainer direkt nach dem Spiel an der Biertheke. In dieser Umgebung lernte Andreas Herzog das Fußballeinmaleins und der 1. FC Köln-Coach Peter Stöger holte sich als Jung-Trainer das Rüstzeug für die Fußball-Bundesliga.

Die »Hohe Warte«, darin sind sich die drei Supporter einig, ist absoluter Teil der Identität dieses Vereins. Entsprechend bemüht sind die Fans um den Erhalt ihres Stadions. Im Sommer bemalten die »First Vienna Football Club 1894 Supporters« die Katakomben in den Vereinsfarben. Seit Frühjahr dieses Jahres gibt es die »Supporters«. Ines, Slaven und Thomas sind drei der schon über 120 Mitglieder des Fan-Dachverbands. Die »Antifa Döbling«, »Yellow Submarines«, »Partizan Rothschild« oder die »Vienna Wanderers« – es ist eine bunte Mischung an Fanclubs, die die »Supporters« vereinigen. Mit der Gründung verfolgen sie das Ziel, eine Bündelung der Kräfte und bessere Mitsprachemöglichkeiten beim Verein zu schaffen. Es gibt nun einen Fanbeirat, der die Belange der Mitglieder beim Verein vertritt.

Nein zu Fremdenhass und Homophobie

Während die Vienna-Fanszene ein Sammelsurium von zugezogenen Studenten und Alternativen ist, hat der Sportklub im Stadtteil Hernals einen größeren regionalen Bezug. Auch der Wiener Sportclub hat eine große Tradition, war immerhin dreimal Österreichs Meister. Doch 2001 geriet der Mehrspartenverein in eine wirtschaftliche Schieflage. Spieler und ehemalige Funktionäre der Fußballabteilung des WSC gründeten daraufhin den Wiener Sportklub (WSK) als Auffangverein. Dieser übernahm Platz, Lizenz, Spieler und Fans des ursprünglichen WSC. Doch mit den Titeln und der Tradition darf sich der neue Verein nach Streitigkeiten nicht schmücken. Die Fans auf der »Friedhofstribüne« – wegen des Blicks auf den anliegenden Dornbacher Friedhof so genannt – stecken seither im Dilemma: Tradition des WSC wahren und den neuen WSK unterstützen. Das sieht dann mitunter so aus: WSC(K).

Die Heimat des Vereins ist der Wiener Sportclub-Platz in Dornbach. Er gilt als der älteste noch bespielbare Sportplatz Wiens. Vor allem die britische Atmosphäre, das Stadion liegt im Wohngebiet und die Fans sind sehr nah am Geschehen, macht einen Besuch besonders. Auch auf der Tribüne geht es vorwiegend britisch zu. Darüber hinaus findet sich aber auch altes Wiener Liedgut auf der »Friedhofstribüne« wieder. Das traditionelle Schlüsselscheppern erinnert an den Schlüssel im Wappen des Stadtteils Hernals. Choreos oder Fahnen sucht man beim Sportklub dagegen vergeblich.

Doch das war‘s auch schon mit den Unterschieden zwischen dem Sportklub und dem First Vienna FC. Vielmehr überwiegen die Gemeinsamkeiten. Neben ihrer chronischen Erfolgslosigkeit in den letzten Jahrzehnten und einem gewissen Loser-Image vereint die beiden Stadtteil-Clubs aus dem Wiener Norden vor allem ihr Kampf gegen Rassismus, Gewalt und Homophobie. »Bei uns werden die Gegner mit Respekt behandelt. Wer den Gegner rassistisch oder homophob beschimpft, wird zurechtgewiesen«, erzählt Ines. »Wir sehen keinen Platz am Platz für: Homophobie, Sexismus und sonstige Diskriminierung« lautet auch das Motto der »FreundInnen der Friedhofstribüne«, eines Zusammenschlusses von Wiener Sportklub-Anhängern. Regelmäßig engagieren sich die Anhänger beider Vereine gemeinsam gegen Fremdenhass und Schwulen-und Lesbenfeindlichkeit.

Große Duelle: Kempes gegen Krankl

Auf beiden Seiten ist die Vorfreude auf das Re-Match Mitte März schon wieder groß. Beim 0:0-Hinspiel an der »Hohen Warte« entrollten die Fans des Wiener SK ein Plakat: »Woarscht ob Juve oda Roma, am liabstn zur Vienna Oma.« Eine Liebeserklärung zum 120-jährigen Vereinsjubiläum der Vienna.

Eine der letzten großen Partien lieferten sich beide Teams in der Saison 1985/86. Es war das K(empes)&K(rankl)-Duell. Offiziell 11.000 Zuschauer strömten in die »Hohe Warte«, doch es waren wohl noch mehr. Denn eine Vielzahl von Anhängern fanden andere Mittel und Wege, um ins Stadion zu gelangen. Sie zwickten die Maschendrahtzäune rund um die »Hohe Warte« auf und bahnten sich so einen Weg in die Naturarena. Angestachelt durch die Menschenmassen lief Argentiniens Weltmeister Mario Kempes im Trikot der Vienna zur Höchstform auf und besiegte Hans Krankl und dessen Sportclub mit 1:0. Es waren glorreiche Zeiten der beiden Vereine.

Geblieben sind vor allem finanzielle Probleme. Wie die Vienna plagen auch den Wiener Sportklub, der »FC St. Pauli Wiens«, Geldnöte. Das Stadion in Hernals ist längst renovierungsbedürftig. Seit Jahren ringt der Verein mit der Stadt um die Sanierung des baufälligen Stadions. Nun steht ein Umbau in Aussicht. Die schwierigen Jahre vereinen die Fans beider Seiten, auch wenn der Kontakt untereinander in der jüngeren Generation nicht mehr so eng ist wie früher. »Man kennt sich, geht in die gleichen Bars und Kneipen. Aber das war’s auch«, meint Slaven dazu. Thomas hat die wilden gemeinsamen Partys miterlebt, aber er findet: »Die eigentliche Verbindung zwischen den beiden Fangruppen hat etwas nachgelassen, aber zugleich nahm die mediale Romantik um das ›Derby of Love‹ zu.«

Sympathische Vereine

Ein Derby ohne Polizeigroßaufgebot und stattdessen mit einer Freundschaft unter den Rivalen, das ist wohl einmalig. »Das macht schon stolz und zeigt, dass wir keine herkömmlichen Vereine sind«, so Thomas. Darüber hinaus macht es die beiden Vereine auch in Wien und ganz Österreich sympathisch. Nahezu jeder Fußballfan bezeichnet die Vienna oder den Sportklub als seinen zweitliebsten Verein in der Alpenrepublik.

Auch Christian Bruckner kommt gern zu Spielen der Vienna oder des Sportklubs. »Brucki« ist seit Kindheitstagen Rapid-Anhänger. Neben Rapid Wien gilt Bruckners Leidenschaft dem Groundhopping. Über 500 Stadien hat er schon in Europa besucht und berichtet darüber seit 2007 auf seinem Blog »Fußball. Soccer. Calcio & Co.« 70 Stadien und Sportplätze hat Bruckner allein in Wien gesehen. Damit kennt sich wohl kaum jemand besser in Wiens Fußballszene aus als er. Das besondere am Wiener Fußball, da muss Bruckner nur kurz überlegen: »Die Vereine und Fans leben mit dem Blick in der Vergangenheit. Alle Wiener Teams haben eine große Historie, die Gegenwart sieht dagegen eher trist aus.«

311 Stadtderbys

Neben der Vienna und dem Sportklub trifft dies auch auf die beiden Großen, Austria und Rapid, zu. Beide Teams haben ihre Wurzeln im Wiener Westen. Rapid gilt als der Arbeiterverein aus Hütteldorf. Erzrivale Austria trug ursprünglich seine Heimspiele im nahegelegenen Ober St. Veit aus, verlor jedoch aufgrund finanzieller Probleme seine Heimstätte und tingelte in der Folge durch Wien. Erst in den 1970er-Jahren wurde Austria im Stadtteil Favoriten sesshaft. Was beide Teams vereint: Seit Gründung der österreichischen Fußballliga spielen sie stets in der höchsten Spielklasse. Kein Wunder, dass das »Wiener Derby« nach dem Glasgower »Old Firm« das am zweitmeisten gespielte Stadtderby in Europa ist. Dies liegt wohl daran, dass Austria und Rapid wegen der geringen Zahl an Mannschaften in Österreichs Bundesliga viermal pro Saison aufeinandertreffen. Zum 311. Pflichtspiel trafen die beiden Teams im November vergangenen Jahres im Ernst-Happel-Stadion aufeinander. So friedlich und respektvoll es zwischen Vienna und Sportklub zugeht, so heikel und nicht selten hasserfüllt ist die Rivalität zwischen Rapid und Austria.

Wiener Derby – Platzstürme und Leuchtraketen

Beide Teams hatten bereits früh in der Saison wieder einmal den Anschluss zu Branchenprimus RB Salzburg verloren und dümpelten im Mittelfeld der Tabelle. Vor allem die Austria, die in der Vorwoche noch mit 0:3 gegen Sturm Graz unterlag, ging dabei unter denkbar schlechten Vorzeichen ins Derby. Doch an diesem Sonntag vor 28.500 Zuschauern im Prater-Stadion sollten die »Veilchen« Grund zum Feiern haben. Austria-Torjäger Omer Damari, mittlerweile in Diensten von RB Leipzig, schoss die Lila-Weißen vor der Pause mit zwei Treffern in Front. Die Austria-Fans hätten eigentlich allen Grund zur Freude gehabt. Doch stattdessen flogen Leuchtraketen in den Familienblock, in dem mehrheitlich Rapid-Anhänger saßen. »Des geht gar nicht. Des ist ein No-Go«, kommentierte Rapid-Stadionsprecher Andreas Marek. Das sahen auch einige Rapid-Ultras so und stürmten größtenteils vermummt aus der eigenen Fan-Kurve in Richtung Austria-Sektor. Es kam zu Prügeleien, bis schließlich die Exekutive die beiden Lager trennte.

Es sind Szenen von Platzstürmen und fliegenden Pyrogeschossen, die das Bild dieses Derbys in den letzten Jahren trüben. Dabei ist das Wiener Derby ein Highlight für jeden Fußball-Liebhaber und sicher eines der emotionalsten und stimmungsgewaltigsten Europas. »Das Wiener Derby ist etwas ganz besonderes«, findet auch Christian Bruckner. »Jeder in Wien hat zu diesem Derby eine Meinung. Das Duell polarisiert einfach.« Es ist nicht einfach nur Arbeiterverein gegen »Kaffeehausverein«, Malochen gegen Schönspielen, grün-weiß gegen violett-weiß – es ist auch ein Aufeinandertreffen der Fankulturen.P1050575

Frühes Entstehen der Ultra-Kultur

Als die Ultra-Kultur aus Italien in den 1980er-Jahren auf den Rest Europas überschwappte, wurde Österreich als eines der ersten Länder von der neuen Fan-Bewegung erreicht. 1988 gründeten sich die »Ultras Rapid«, bis heute die stärkste und einflussreichste Ultra-Gruppierung Österreichs. Während sich die Rapid-Ultras seither als eine der kreativsten und lautstärksten, aber auch mitunter gewaltbereitesten Szenen Europas etabliert hat, verweigerten sich die Anhänger von Derbykonkurrent Austria lange Jahre der Ultra-Kultur. Die Betonung lag auf der Andersartigkeit im Vergleich zum Konkurrent aus Hütteldorf. Erst mit der Gründung der »Viola Fanatics« hielt auch ein stärkerer Ultra-Einschlag bei den »Veilchen« Einzug. Doch im Vergleich zu Rapid ist die Szene weniger straff organisiert, es gibt eine Vielzahl von Fangruppen. Zuletzt zeichnete sich zudem ein Riss innerhalb der Kurve ab. Einige etablierte Fanclubs zogen vom Stehplatzbereich im Franz-Horr-Stadion auf die anliegende Familientribüne. Die Stimmung hat seither einen deutlichen Dämpfer erhalten. Darüber hinaus spaltet der Fanklub »Unsterblich Wien« die Szene. Im Umkreis von »Unsterblich« bewegen sich zahlreiche Rechtsradikale, ein halbes Dutzend von ihnen ist nach einem Angriff auf ein linkes Kulturzentrum derzeit angeklagt. Austria sprach Hausverbote aus und verbannte die Fangruppe aus dem Stadion. Das Problem: Die tonangebenden Ultras der »Viola Fanatics« pflegten lange gute Kontakte zu den als schlagkräftige Hooligans bekannten »Unsterblichen« und haben daher viel Kredit bei der Masse der Fans verspielt.

Die Rapid-Viertelstunde

Und die Nummer eins unter den Fußball-Fans in Österreich bleibt seit jeher sowieso Rapid Wien. Bei Rapid sind jüngere Elemente der Ultra-Kultur mit traditionellen Fan-Inhalten verschmolzen. Fahnen, Doppelhalter und kreative Choreos sind mittlerweile genauso Bestandteil der Rapid-Fankultur wie die traditionelle Rapid-Viertelstunde. Bei Minute 75 wird die Schlussoffensive durch rhythmisches Klatschen eingeläutet. Wo genau diese Tradition ihre Ursprünge hat, ist nicht klar. Vermutlich entspringt sie auch dem Rapid-Geist, nie aufzugeben und stets Leidenschaft und Kampfkraft an den Tag zu legen. Es gibt Theorien, wonach Rapid-Fans in den 1920er-Jahren das rhythmische Klatschen bei Länderspielen bei ungarischen Fans sahen und übernahmen. Eine andere Herkunftshypothese ist, dass in Zeiten von Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit eine Viertelstunde vor Spielende die Stadiontore geöffnet wurden, sodass auch Arbeitslose , die sich kein Ticket leisten konnten, die letzten 15 Minuten ansehen konnten. Entsprechend war die Atmosphäre dann in der Schlussphase besonders euphorisch. Wie dem auch sei, die Rapid-Viertelstunde hat sich seit 1921 etabliert und wird generationsübergreifend bei jedem Spiel praktiziert. Auch beim letzten Derby kommt Rapid nach 0:3-Rückstand in der Schlussphase noch auf 2:3 ran, zu mehr reicht es aber nicht.

Wiener Vormachtstellung dahin

Doch trotz der stimmungsvollen Derbys und vergangener Triumphe ist sich Experte Bruckner sicher: »Die großen Erfolge haben den Wiener Fußball gesättigt«. Investitionen blieben aus, der Fall des »Eisernen Vorhangs« und das Bosman-Urteil machten für osteuropäische Altstars Wien als Anlaufpunkt weniger lukrativ. Dazu kam eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse innerhalb Österreichs. Während in den 1950ern und 1960ern Rapid, Austria, Vienna und der Sportclub die Meisterschaft unter sich ausmachten, haben die Teams aus Salzburg, Graz oder Innsbruck längst zu den Wiener Traditionsclubs aufgeschlossen. In dieser Saison thronen selbst die Provinzvereine aus Wolfsberg und Altach vor Austria und Rapid.

Kein Wunder, dass nach 0:3-Rückstand der Austria gegen Sturm Graz jeder gelungene Pass der eigenen Mannschaft hämisch beklatscht wurde. Der entnervte Austria-Rechtsaußen ließ sich sogar während der laufenden Partie zu einer abfälligen Handgeste in Richtung der eigenen Fans hinreißen. Eine Woche später sind es dann vereinzelte Rapid-Fans, die nörgelnd noch vor der Halbzeit das Stadion verlassen. »Das Raunzen und Granteln liegt in der Wiener Mentalität«, findet Bruckner. Immer schlecht gelaunt, aber doch immer freundlich, so sieht sich der Wiener und so findet sich das Wiener Gemüt auch im Stadion wieder.

»Yellow Submarine« und »Boogie, boogie«

Gemeckert wird auch auf der »Hohen Warte«. Aber als die Vienna bedingt durch eine Strafe von acht Punkten Abzug im vergangenen Jahr in die Regionalliga abstieg, gab es statt Tränen eine spontane Party von Fans und Spielern. Die Uhren ticken eben ein bisschen anders auf der »Hohen Warte«. Und diese Saison läuft es um einiges besser. »We all Live in a Yellow Submarine« stimmen die knapp 800 Fans den »Beatles«-Klassiker auf der Hauptgerade an, dazu ertönen Dudelsackklänge. Soeben ist das 3:0 für die Vienna gefallen. »Yes Sir, I can boogie«, schallt der 70er-Jahre Sound »Bacarra« aus den Boxen. Die Vienna geht als Tabellenzweiter in die Winterpause. Ines, Slaven und Thomas sind zufrieden mit der Hinrunde. Doch beim Thema Aufstieg schütteln alle Drei den Kopf. Verständlich. Denn dann würde ja auch der Lieblingsgegner fehlen.

 

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