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»DIE FANKULTUR IN DER TÜRKEI LEBT WEITER«

September 30th, 2015 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

Nicht nur die Fan-Gruppe »Çarşı« hat mit schweren Repressionen zu kämpfen. Friedemann Pitschak und Naz Gündoğdu dokumentieren mit ihrem Film-Projekt »Geisterspiel/ Boş tribünler« die aktuelle Situation der türkischen Fußballfans. Luise Hillmers und Peter Dittmann haben sie für »Transparent« in Istanbul getroffen.

Das Interview führten: Luise Hilmers und Peter Dittmann | Erschienen in Ausgabe 14

Fotos Friedemann Pitschak, Naz Gündoğdu, Sevan Özbülbül, Harald Aumeier

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Wie seid ihr auf die Idee zum Dokumentarfilm-Projekt »Geisterspiel« gekommen?

Freddy: Momentan existieren verschiedenste Repressionen. Zum Einen wurde die »Passolig« eingeführt (siehe Info-Kasten). Zum Anderen gibt es das Gesetz 6222 zur »Verhinderung der Gewalt und Unruhe im Sport«, durch das es fast jede Woche Tribünensperren gibt. Meist wegen Lappalien. Und es läuft weiterhin der Prozess gegen 35 Mitglieder von »Çarşı«, Fans von Beşiktaş Istanbul. Genau solche aktuellen Repressionen wollten wir beleuchten. Wir haben schon früher gemeinsam für Fanzines über den türkischen Fußball berichtet und waren oft bei Spielen in der Türkei dabei. Nachdem die Idee entstanden war, sind wir dann Anfang 2015 mit »Geisterspiel/ Boş tribünler« gestartet.

Wo habt ihr überall gedreht?

Freddy: Natürlich hier in Istanbul. Allerdings heißt unser Film nicht »Istanbul United II«. Wir wollen mehr zeigen. Daher waren wir auch in Izmir, einer besonderen Fußballstadt. Die beiden Vereine Karşıyaka und Göztepe spielen in der zweiten und dritten Liga. Sportlich relativ belanglos, trotzdem findet man hier eine Fußballkultur, die es in anderen Städten so nicht gibt. Außerdem haben wir in Ankara und in Diyarbakır im Osten der Türkei gedreht. Wir haben verschiedenste Fangruppen begleitet, sodass der Film einen umfangreichen Einblick in die türkische Fußballkultur gibt.

Wie leicht war der Zugang zu den Fangruppen vor Ort, wie groß die Bereitschaft, euer Filmprojekt zu unterstützen?

Naz: Wir hatten schon vorher zu einigen Leuten in den Fanszenen Kontakt, daher war der Zugang recht einfach. Außerdem sind die meisten Menschen in der Türkei nicht nur offenherzig und gastfreundlich – sie sind wirklich sehr interessiert und stehen auch gerne vor der Kamera.

Freddy: Eine solche Grundskepsis wie in den deutschen Fanszenen gibt es, bis auf bei »Çarşı«, hier nicht. »Çarşı« sagt gerne, dass sie prinzipiell keine Interviews geben. Allerdings findet sich dann doch immer jemand, der mit uns vor der Kamera spricht. Mit türkischen Fans in Kontakt zu kommen, ist wesentlich einfacher als in Deutschland.

Aufhänger des Films sind die leeren Stadien, die Repressionen gegen Fans. Wie würdet ihr die Stimmungslage im türkischen Fußball 2015 beschreiben?

Freddy: Wenn man im Fernsehen die halbleeren Stadien sieht, wenn die Spiele nicht mehr in der Kurve, sondern in der Kneipe verfolgt werden, dann hinterlässt das schon ein komisches Gefühl. Trotzdem ist die Fußballbegeisterung ungebrochen. Unser Projekt heißt zwar »Geisterspiel«, der türkische Fußball ist allerdings alles andere als tot.

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Seht ihr also eine Chance zur Wende?

Freddy: Es gibt den Gerichtsprozess gegen die »Passolig«. Gut möglich, dass dieser Fanausweis in ein, zwei Jahren Geschichte ist. Außerdem haben sich die Oppositionsparteien im türkischen Parlament gegen die »Passolig« ausgesprochen. Da ist nach dem Verlust der absoluten Mehrheit der AKP bei den Parlamentswahlen einiges in Bewegung. Allerdings herrscht bei den Gesetzen in der Türkei generell ein stetes Kommen und Gehen. Wenn die »Passolig« verschwindet, folgt möglicherweise bald ein neues Repressionsgesetz. Aber wir haben eben gemerkt, dass die Fankultur in der Türkei trotz Unterdrückung weiterlebt.

Lässt sich diese Entwicklung generell an den Gezi-Protesten festmachen?

Freddy: Nicht nur. Gezi war vielleicht der Katalysator. Die blutigsten Zeiten liegen ja eigentlich schon 10-20 Jahre zurück. Gezi hat die Fangruppen aber erkennen lassen, dass man einen gemeinsamen Feind hat.

Wie steht es um die Zusammenarbeit der Fans unterschiedlicher Vereine?

Freddy: Es gibt mittlerweile die Fan-Vereinigung »Taraf-Der«. Seit dem Gezi-Sommer kommen die Fans nicht nur in Istanbul, sondern zum Beispiel auch in Izmir und Adana zusammen. Zum Teil demonstriert man gemeinsam am 1. Mai. Wir waren auf einer der Veranstaltungen in Izmir. Da waren vorrangig Karşıyaka- und Göztepe-Fans, aber auch Fenerbahçe- und Galatasaray-Fans. Es gibt jetzt die Treffen, bei denen man sich austauscht. Da entsteht etwas.

Ihr wart auch im Osten der Türkei, in Diyarbakır. Inwiefern spiegelt sich der Konflikt zwischen Kurden und Türken im Stadion wider?

Freddy: Diyarbakır bzw. Amedspor ist der einzige Verein in der Türkei, der den kurdischen Namen führen darf. Der Club hat mit zusätzlichen Repressionen zu kämpfen, mit hohen Strafen des Fußballverbands und Angriffen der Fans anderer Vereine. Das ist noch einmal ein ganz anderer Blickwinkel. Im Film berichtet u. a. ein kurdischer ehemaliger Süper-Lig-Spieler sehr anschaulich über die extremen Reaktionen der Fans.

Seht ihr den Fußball prinzipiell als ein verbindendes politisches Element, das die ganze Türkei umfasst?

Freddy: Ja und nein. Natürlich hat man das bei den Gezi-Protesten beobachten können. Auch auf den Tribünen hat sich ein politisches Klima entwickelt. Ich würde Fußballfans allerdings nicht als die stärkste politische Gruppe darstellen – als Speerspitze der Revolution. Denn viele Fans tragen dieselben Vorurteile, die die AKP schürt, in sich. Nicht wenige sind beispielsweise gegen die Gleichstellung von Frauen. Ein weiteres Beispiel: Für den Film haben wir mit Diyarbakır-Fans gesprochen, die nur angegriffen wurden, weil sie Kurden sind. Ich sehe die türkischen Fußballfans nicht als den wesentlichen revolutionären Gegenpol zur AKP-Regierung.

Naz: Die Gesetze machen aus den Fans allerdings ein politisches Subjekt. Die staatlichen Repressionen machen den Fußball politisch. Er ist ein politisches Testfeld. Bevor z. B. das Paket zur Inneren Sicherheit verabschiedet wurde, hat man die gleichen Maßnahmen mit dem Gesetz 6222 an den Fans ausprobiert. Auch der moderne Fußball ist politisch gewollt. Man will keine Fans, die schreien und Pyrotechnik zünden. Stattdessen werden ständig neue moderne Stadien gebaut, mit integriertem Einkaufszentrum und höheren Eintrittspreisen, die die Ärmeren verdrängen. Dadurch fühlen sich die Fans automatisch als politisches Subjekt.

Nochmal zurück zum Film: Welche unerwarteten Einblicke habt ihr während des Filmdrehs gewonnen?

Freddy: Bemerkenswert ist sicherlich die große Frustration über das Istanbul-Monopol im türkischen Fußball. Einer unserer Interviewpartner hatte nur unter der Bedingung zugesagt, im Film über Istanbul schimpfen zu dürfen. Das ist jetzt natürlich kein klassisches Repressionsthema, spielt aber in der türkischen Fußballkultur eine große Rolle. Es gab auch noch die ein oder andere weitere Überraschung. Mehr wollen wir aber noch nicht verraten.

Wann wird euer Film herauskommen?

Freddy: Zu Beginn der neuen Saison, spätestens aber Anfang Oktober soll er anlaufen. Der Film soll bei einigen Filmfestivals gezeigt werden. Ansonsten wollen wir ihn gerne in kleineren Kinos aufführen. Wir werden den Film auch im Rahmen von Diskussionsveranstaltungen zur Verfügung stellen, bei denen man mit uns und den Darstellern ins Gespräch kommen kann.

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