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DIE BERLIN-LIGA – EINE WIDERSPRÜCHLICHE SPIELKLASSE

Juli 1st, 2013 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

Die Berlin-Liga ist in ihrer kulturellen Vielfältigkeit kaum zu überbieten. Vereine wie Türkiyemspor oder Makkabi Berlin bereichern die Liga. Dennoch haben sie mit vielen Problemen zu kämpfen. Platznot, Geldmangel und Diskriminierungen prägen ihren Ligaalltag.

Von Maximilian Schmitt und Kea Müttel

Fotos No Dice Magazin

(Erschienen in Ausgabe 5)
Berlin Liga

»Ungefähr einmal im Jahr  kommt ein antisemitischer Vorfall gegen uns vor«. Claudio Offenberg, Trainer von Maccabi Berlin, spricht diese Worte resigniert aus. Reden möchte er darüber kaum, im Vordergrund sollte eigentlich das sportliche Wirken seines Teams stehen. »Wir wären sehr zufrieden, wenn wir uns nur auf das Sportliche konzentrieren könnten, leider verhindern solche Vorfälle dies«, sagt er. Dabei spielt Makkabi Berlin seit dieser Saison sogar wieder in der Berlin-Liga. Einer unglaublich vielfältigen Spielklasse.

Die Vielfältige Berlin-Liga

Makkabi Berlin gehört zu Makkabi Deutschland, dem einzigen jüdischen Sportverband in Deutschland. Der Verband hat 37 autonome Lokalvereine – der Berliner besitzt die höchstklassigste Fußballmannschaft.

Neben Makkabi ist mit Tennis Borussia Berlin ein Verein in der Berlin-Liga vertreten, der auf eine breite antifaschistische Fanszene zurückgreifen kann und ebenfalls jüdische Wurzeln hat. Mit Club Italia, BSV Hürtürkel und Türkiyemspor Berlin kicken zudem drei Migrantenvereine in der vielfältigen Liga. Der 1978 gegründete Migrantenverein Türkiyemspor spielte vor zwei Jahren noch in der Regionalliga Nord, 1994 sogar noch drittklassig. Deutschlandweit hat Türkiyemspor Berlin den Ruf als größter und erfolgreichster Migrantenverein.

Eine Vielfalt, wie sie in keiner der oberen Ligen existiert. Die sechstklassige Berlinliga ist die höchste Amateurspielklasse innerhalb Berlins und genießt dementsprechendes Renommee in der Stadt. Der Meister der 1992 als Berliner Verbandsliga gestarteten Berlin-Liga darf sich am Ende Berliner Fußballmeister nennen. Das reicht nicht für die ganz große Aufmerksamkeit, die die Hertha und Union für sich beanspruchen. Aber für ein Amateurteam ein erstrebenswerter Titel.

Rassismus und Antisemitismus sind Allgegenwärtig

Doch trotz der kulturellen Vielfalt und des Renommees der Liga gab es in den letzten Jahren immer wieder rassistische und antisemitische Vorfälle. Negativer Höhepunkt im Berliner Fußball im letzten Jahr war sicherlich das Spiel des TUS Makkabi gegen den BSV Hürtürkel – das jedoch eine Liga weiter unten stattfand. Nach Informationen des Berliner Tagesspiegels fielen bei der Partie am 25. März 2012 gegenüber Makkabi-Spielern Aussagen wie »Du stinkst schon wie ein Jude.« und »Jetzt haben wir euch Juden gefickt«.

Als Konsequenz auf diese Vorfälle wurden dem BSV Hürtürkel drei Punkte abgezogen und der Aufstieg in die Berlin-Liga geriet in Gefahr. Letztendlich schafften aber dennoch beide Teams den Sprung in die höhere Klasse und trafen im September 2012 erneut aufeinander. Diesmal blieb alles ruhig. Makkabis Coach Offenberg macht aber auch deutlich, dass dieser Zustand wahrscheinlich auch den äußeren Umständen zu verdanken war. »Es waren massig Polizeipräsenz sowie Ordner vor Ort, sodass dies wohl Wirkung zeigte«, vermutet er.  Dass die diskriminierenden Äußerungen von Hürtürkel kamen, verwundert bei genauerer Betrachtung kaum. Zwar dementierte der Vorsitzende Orhan Akcay gegenüber dem Tagesspiegel: »Wir sind ein multikultureller Verein, diese Anschuldigungen werfen ein schlechtes Licht auf uns« - doch nach Informationen der Jungle World soll es personelle Verstrickungen zwischen Hürtürkel und den nationalistisch-rassistischen „Grauen Wölfen“ gegeben haben.

Damit ist Hürtürkel nicht der einzige Verein in der Berlin-Liga, dem Kontakte in die rechte Szene nachgesagt werden. Auch der TSV Rudow soll eine rechtsoffene Anhängerschaft besitzen.  Bei einem Spiel gegen den für seine antirassistische Anhängerschaft bekannten Verein Tennis Borussia Berlin im Jahr 2011 wurden zum Beispiel rechte Parolen gerufen. Kein Einzelfall. Bereits 2006 sollen Anhänger des TSV Rudow Fans von Türkiymespor rassistisch beleidigt haben. Zudem gibt es immer wieder Augenzeugenberichte, dass stadtbekannte Nazis vereinzelt Ordnerdienste bei dem Verein ausüben würden.

Türkiyemspor fehlt es an professionellen Trainingsmöglichkeiten.

Die Mitglieder von Türkiyemspor sehen sich immer wieder Anfeindungen dieser Art ausgesetzt. »Das passiert eigentlich ständig, von Spielern und Zuschauern, bis hin zu Trainern und Schiedsrichtern«, sagt  Robert Claus, tätig im Mediateam von Türkiyemspor. Letztes Jahr legte der Verein eine Beschwerde beim Verband ein, weil laut Claus ein Schiedsrichter einen am Boden liegenden Spieler von Türkiyemspor rassistisch beleidigte. Robert Claus kann von zahlreichen Geschichten dieser Art erzählen. Da werden Spieler angepöbelt oder Teams die Duschen abgestellt. Von den Anhängern des Chemnitzer FC wurde Türkiyemspor beim Auswärtsspiel in der Regionalliga mit T-Shirts mit der Aufschrift »Wieder mal kein Tor für Türkiyemspor« empfangen, ein Zitat der  bei Rechten beliebten Band »Landser«. Torwart Ömürcan Korkut berichtet, er selbst sei nie wirklich Ziel von Diskriminierungen gewesen, als Torwart habe er ja kaum direkten Kontakt zu Gegenspielern. Aber: »Von draußen wird ständig versucht, uns zu provozieren und runterzumachen.« Für den 22-Jährigen ist es dennoch etwas Besonderes, bei Türkiyemspor zu spielen. »Wir sind ein Kulturverein und das Umfeld passt einfach. Es macht Spaß, hier zu spielen.« Dafür verzichtet er auch auf Geld, das er bei anderen Vereinen in der Berlin-Liga verdient hätte.

Eine Liga, Viele Probleme

Denn Geld kann Türkiyemspor im Moment nicht zahlen. Der Höhenflug bis in die Regionalliga Nord hat den Verein finanziell zerstört. Die Auflagen des DFB zwangen den Verein in den Friedrich-Ludwig-Jahn Sportpark umzuziehen, dazu musste jedes Spiel ein separater Gästebereich eingerichtet werden - auch wenn gar keine Gästefans da waren. Kosten, die für einen Verein dieser Größenordnung nicht machbar waren. So folgte dem hohen Flug der tiefe Fall, zwei Abstiege später ist der Verein nun also Sechstklassig und befindet sich mitten im Insolvenzverfahren.  60.000 Euro fehlen und sollen durch die Kampagne »Rettungsschirm für Türkiyemspor« eingenommen werden. Der aktuelle Spendenstand lässt sich auf der dreisprachigen Vereinshomepage nachschauen. Claus ist zuversichtlich, dass Türkiyemspor überleben kann. Auch Torwart Korkut glaubt, dass Türkiyemspor die Kurve kriegt und in den nächsten Jahren wieder oben mitspielen kann. Er selbst hofft, nochmal höherklassig spielen zu können und mit dem Fußball Geld verdienen zu können – am Liebsten bei Türkiyemspor.

Neben Geld braucht Türkiyemspor vor allem eins: Platz. Das sagt hier jeder, vom Trainer bis zum Jugendkoordinator. Woran das liegt? »An der strukturellen Benachteiligung der Migrantenvereine durch die Stadt«, sagt Robert Claus. Bis heute hätten Politik und Gesellschaft nicht eingesehen, dass Migranten, und in diesem Falle Migrantenvereine, einer besonderen Unterstützung bedürften, um ihre strukturellen Nachteile ausgleichen zu können. Dabei hat der Kreuzberger Verein einen unglaublichen Zulauf an Jugendlichen. In allen Altersklassen bietet der Verein Mädchenteams an und muss regelmäßig Jungen ablehnen, da die Teams zu voll sind. Dennoch hat Türkiyemspor weder für einen Trainingsplatz noch für ein Stadion einen Schlüsselvertrag, der ihnen Schlüsselgewalt und längere Nutzung garantieren würde, stattdessen muss jede Nutzungszeit erkämpft werden. Das führt dann zu solchen Situationen, dass die Mädchen im Jugendbereich nicht einmal auf dem großen Feld trainieren, bevor sie in der Liga darauf antreten müssen. Auch bei der Herrenmannschaft sieht es nicht besser aus: nach dem Warmlaufen wird auch mal im Kabinenrondell trainiert. Auf vielleicht fünf mal fünf Metern sind technische Übungen aufgebaut, professionelle Bedingungen sehen anders aus.

Makkabi Berlin hat auf diesem Gebiet bessere Voraussetzungen - sie haben einen Platz von der Stadt zur Verfügung gestellt bekommen. Gemeinsam mit dem Brandenburger SC steht ihnen ein modernes Vereinsgelände zur Verfügung. Im Winter können sie eine Halle der anliegenden Schule nutzen, normales Training ist möglich. Makkabis Trainer Offenberg kritisiert den Verband dennoch: »Der Verband tut sich schwer, eine einheitlich-konsequente Linie zu fahren. Er könnte mehr aus seinen Möglichkeiten machen«, sagt er in Bezug auf die antisemitischen Angriffe gegen sein Team. Der Verband hat zwar nach dem Skandalspiel gegen Hürtürkel deutlich stärker reagiert als dies noch vor Jahren der Fall war – noch 2007 wurden antisemitische Vorfälle völlig bagatellisiert - doch bei neuen Vorfällen tut er sich nach wie vor schwer. Robert Claus von Türkiyemspor sieht das ähnlich: »Die Verbände brauchen sehr viel Zeit«, sagt er. Dennoch sieht er die Grundrichtung positiv und glaubt, dass der Verband auf einem guten Weg ist.

Makkabis Coach Claudio Offenberg.

Gesellschafts-Politisches Engagement

Doch ungeachtet der vielen Vorfälle – oder auch genau deshalb, setzen beide Vereine ihr gesellschaftspolitisches Engagement couragiert fort. Der multikulturelle Ansatz des Kreuzberger Migrantenvereins zeigt sich vor allem in den Jugendteams, wo Mädchen und Jungen aus zahlreichen Nationen miteinander kicken. Die Sprachen gehen dabei munter durcheinander. »Das ist oft sehr lustig. Mal verstehen die Alten nicht, was die Jungen da sprechen, mal umgekehrt«, schmunzelt Claus. Für die integrative Jugendarbeit und das Engagement im Frauenfußball erhielt der Verein bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter auch den DFB-Integrationspreis.

Auch außerhalb der eigenen Vereinsstrukturen zeigt Türkiyemspor reges gesellschaftspolitisches Engagement. Beim internationalen Tag gegen Rassismus zeigten die Vereinsmitglieder beispielsweise gemeinsam mit dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD) Flagge gegen Rassismus und Homophobie. Die Zusammenarbeit mit dem Lesben- und Schwulenverband besteht schon länger und wird ebenso wieder in den Verein hereingetragen. So ist es bei Türkiyemspor schon häufiger vorgekommen, dass  Jugendteams gemeinsam Filme und/ oder Vorträge zu der Thematik gesehen haben und anschließend über Homophobie und Männlichkeitsbilder im Fußball diskutierten.

Auch Ligakonkurrent Makkabi verfolgt neben den sportlichen Zielen laut Homepage ebenso »zionistische und gesellschaftspolitische Ziele«. Dies bezieht sich jedoch hauptsächlich auf die Arbeit des Dachverbandes »Makkabi Deutschland«. In der ersten Herrenmannschaft äußert sich die spezielle Identität laut Trainer Offenberg eher darin,  dass »an jüdischen Feiertagen nicht gespielt wird, gemeinsame Essen frei von Schweinefleisch bleiben und man z.B. das jüdische Lichterfest (Chanukkah) als Jahresabschluss im Dezember bei einem großen Event gemeinsam feiert«. Denn auch wenn Makkabi ein jüdischer Verein ist – offen ist er natürlich für alle Konfessionen und Nationalitäten. Makkabi Berlin fördert damit den Dialog zwischen Juden und Nicht-Juden im Rahmen des Fußballspielens.

Vielfalt braucht Unterstützung.

Beide Vereine leisten also extrem wichtige Arbeit für die Berliner Zivilgesellschaft. Makkabi Berlin ist der einzige jüdische Fußballverein in ganz Berlin – und Türkiyemspor trägt mit seinen vielfältigen Aktionen zur politischen Sensibilisierung von vielen Jugendlichen bei.

Dennoch  hat Türkiyemspor immer noch keinen eigenen Fußballplatz. Darüber können auch alle Preise nicht hinwegtäuschen. Ebenso gibt es weiterhin in einer erschreckenden Regelmäßigkeit antisemitische und rassistische Vorfälle. Es werden munter Preise verliehen, am Diskriminierungsproblem und den strukturellen Nachteilen der kulturell so wertvollen Vereine wird aber kaum gearbeitet. Diese Probleme sind exemplarisch für die unteren Ligen in Deutschland. Auch in vielen anderen Amateur-Ligen sind Probleme mit Rassismus und Antisemitismus geradezu alltäglich. In der Duisburger Bezirksliga wurde beispielsweise im März der Torwart Ikenna Onukogus rassistisch beleidigt und im Nachgang erst einmal selber gesperrt. Erst ein großer medialer Aufschrei veranlasste den Verband, diese Sperre zurückzunehmen.

Wenngleich der Verband in Berlin zumindest bei den letzten antisemitischen Vorfällen gegen Makkabi Berlin etwas sensibler reagiert hat – als wirkliches Problem scheint die Diskriminierung auch in der Berlin-Liga noch nicht wahrgenommen zu werden. Die vielen Vorfälle verdienen eine deutlich größere Öffentlichkeit, der Verband ist gefragt. Die betroffenen Vereine können ob der Regelmäßigkeit dieser Angriffe oft nur resignieren. Gefragt sind aber nicht nur die langsam mahlenden Verbände, sondern ebenso die anderen Vereine in der Liga. So solidarisierten sich nur die Fußballer von Türkiyemspor nach den antisemitischen Angriffen auf Makkabi. »Das war der einzige Verein, der sich bei uns gemeldet hat«, sagt Makkabis Trainer Offenberg.

Gerade bei einer kulturell so vielfältigen Klasse wie der Berlin-Liga erschreckend. Doch die Zeichen dieser beiden Vereine sind dafür umso aussagekräftiger. Als im letzten Jahr der Rabbiner Daniel Alter in Berlin verprügelt wurde, setzten beide Teams ein gemeinsames Zeichen für Toleranz. »Menschenrechte gelten auch auf Fußballplätzen«, stand auf einem Spruchband. Beide Teams hielten es zusammen hoch, der Rabbiner Daniel Alter saß als geladener Gast auf den Zuschauerrängen. Das sind Aktionen, die die Berlin-Liga positiv ausmachen. Verschiedene Vereine und Menschen, die gemeinsam für mehr Toleranz werben. Ungeachtet aller Angriffe, Vorfälle und Probleme – die Berlin-Liga und einige ihrer Vereine zeigen, wie wichtig Fußball sein kann. Durch ihn werden gesellschaftliche Probleme sichtbar, durch ihn können Menschen sensibilisiert werden. TUS Makkabi und Türkiyemspor zeigen Wege auf, wie dies gelingen kann. █

Anmerkung: In der ursprünglichen Version des Artikels sind uns leider einige Fehler unterlaufen. Wir bedanken uns bei unseren Leserinnen und Lesern für die Hinweise und haben den Artikel entsprechend korrigiert.

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