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»DER STETE TROPFEN HÖHLT DEN STEIN«

September 9th, 2013 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

1993 gründete sich mit dem »Bündnis antifaschistischer Fußballfans«, kurz BAFF, eine der ersten Fan-Organisationen in Deutschland. In diesem Sommer feierte BAFF 20-jähriges Jubiläum. Grund genug für uns zurückzublicken auf zwei Jahrzehnte Einsatz für lebendige und bunte Fankurven. Dafür trafen wir uns in Offenbach mit Antje Hagel, die als langjähriges BAFF-Mitglied einiges zu erzählen hatte über die etwas andere Fan-Organisation. Ein Gespräch über Punks, Partys und Protest.

Das Interview führte Maximilian Schmitt

(Erschienen in Ausgabe 6)

20 Jahre Baff

Transparent Magazin: 20 Jahre KOS, 20 Jahre BAFF – 1993 gründeten sich zwei Organisationen, die sich auf sehr unterschiedliche Art und Weise für eine bessere Stadionatmosphäre einsetzten. Wie muss man sich die Stadionrealität von damals vorstellen, die zur Gründung führte?


Antje Hagel: Ich bin selbst erst 1993 zum Fußball gekommen, also recht spät. Die Stadien waren damals nicht gerade schön, teilweise marode. Die Zeit, die ich da erlebte, war immer noch geprägt vom Hooliganismus. Es gab alle möglichen Formen von Gewalt innerhalb und außerhalb des Stadions. Zudem war das Stadion geprägt von einem latenten und offenen Rassismus und Antisemitismus – es war die Zeit, als vermehrt schwarze Spieler aus dem Ausland in die deutschen Ligen kamen. Affenlaute oder Ähnliches gehörten zur Normalität. Nicht nur bei Europa- und Weltmeisterschaften kam es immer wieder zu Überfällen und Angriffen auf Migranten durch rechte Fußballfans. Gleichzeitig kamen die Leute aus den sozialen Bewegungen Ende der 80er-Jahre verstärkt ins Stadion, nachdem sie oftmals lange Zeit eine Kurvenauszeit genommen hatten oder viele Vorbehalte gegen die dort vorherrschende Fankultur hatten.

BAFF gründete sich dann im August 1993. Beteiligt waren Personen von fünfzehn Vereinen aus ganz Deutschland. Wie kam es zur Gründung?

Dazu muss man kurz auf St. Pauli eingehen, damals der Szeneclub der sozialen Bewegungen in Hamburg. Ein Club, in dem sich das Fußballfansein anders leben ließ, als in den meisten anderen lokalen Vereinen. Das führte dann dazu, dass sich im Laufe der Jahre einige gefragt haben: »Wenn das bei St. Pauli geht, wieso geht das dann nicht auch bei meinem Verein?« Die politischen Leute aus den Vereinen hatten ohnehin Kontakt zueinander und dann haben sich schließlich ein paar Leute bei Sven Brux (dem heutigen Sicherheitsbeauftragten von St. Pauli) in der Küche getroffen und beschlossen; wir gründen nun ein Bündnis antifaschistischer und antirassistischer Fußballfans. Der Schwerpunkt war jeweils vor Ort etwas unterschiedlich. Diese Leute haben dann über ihre vielen Kontakte aktive Fans zu einem ersten, bundesweiten Treffen eingeladen. Das Treffen fand damals im DGB-Bildungszentrum in Hattingen statt. Ich selber war da noch nicht dabei, aber es soll sehr lustig gewesen sein.

Wie lief denn die Vernetzung innerhalb des Bündnisses damals ab? Forum, Newsletter und selbst Handys waren ja noch nicht wirklich verbreitet.

Ja, das gab es alles noch nicht. Die Leute haben einfach miteinander gesprochen bzw. telefoniert oder sich Briefe geschrieben, kannten sich durch politische Aktionen und haben sich dort sowieso gesehen. Auch über die vielen Fanzines wurde kommuniziert.

Wann bist du selbst dann zu BAFF gekommen und was waren deine persönlichen Gründe?

Ich war im Sommer 1994 beim ersten großen BAFF-Kongress in Düsseldorf dabei und habe vor dem Hintergrund, dass ich aus der Frauenbewegung der 80er-Jahre komme, an einer Arbeitsgruppe zum Thema »Rassismus und Sexismus« teilgenommen. Zu der Zeit hätte ich mich noch nicht wirklich als Fußballfan bezeichnet, auch wenn ich fußballinteressiert war. In der AG wurde deutlich, wie schwierig es ist, Sexismus und Rassismus gleichwertig als Diskriminierung zu behandeln. Die Diskussion gibt es ja bis heute noch.

Der Spaß stand beim gemeinsamen Fußballturnier im Vordergrund.

Was fallen dir für erste größere Aktionen von BAFF in der Anfangszeit ein? Stichwort Fankongresse, Demonstrationen…

Mir fällt da als erstes das Länderspiel am 20.April 1994 ein. Am Geburtsdatum von Adolf Hitler sollte ein Länderspiel zwischen Deutschland und England im Berliner Olympiastadion stattfinden. Und BAFF hat es geschafft, dieses Spiel zu verhindern. Da gab es verschiedenen Aktionen: Es gab einen Aufruf zu einer bundesweiten Demo in Berlin, es gab Kontakte zu Journalisten, denen wir unsere Meinung übermittelt haben, es wurde Kontakt zu englischen Fans aufgenommen usw. Heute würde man das als Kommunikationsguerilla bezeichnen, aber es hat funktioniert. Dann gab es den Fankongress 1994 in Düsseldorf, zu dem mithilfe der KOS zahlreiche internationale Gäste eingeladen werden konnten. Da waren Leute aus England, Holland, Italien und anderen Ländern. Das war schon sehr beeindruckend und wir konnten sehen, welche unterschiedlichen Kulturen der Fußball in den Ländern hervorgebracht hatte. Seit dieser Zeit gibt es die Kontakte von vielen Leuten zu den damals noch coolen italienischen Ultragruppen und auch die Mondiali hat ein Vorbild in Deutschland: Das Hanau93-Supporters-Turnier. Dann gab es die große Stehplatzkampagne – »Sitzen ist für den Arsch«. Im November 1994 hat BAFF dazu eine große Demo in Frankfurt vor der DFB-Zentrale initiiert, zu der auch ganz verschiedene Leute kamen. Es kamen Fanbeauftragte, Kuttenfans und andere Interessierte zu der Demo beim DFB – nicht nur die üblichen Leute eben. Es war sehr lustig, Lieder wurden gedichtet, Fußball gespielt – und es hat funktioniert, trotz der verschiedenen Vereinszugehörigkeiten. Die Uefa hatte in Reaktion auf die Ausschreitungen in Brüssel begonnen, von den nationalen Verbänden und den international spielenden Vereinen All-Seater-Stadien zu fordern. BAFF, den aktiven Fans und Fanprojekten ist es gelungen, die Versitzplatzung der Stadien in Deutschland zu verhindern. Da wo damals schon international gespielt wurde, wurden Umbau-Varianten eingebaut. Weitere Themen waren Repressionen, Stadionverbote, Kommerzialisierung…

Gerüchten zufolge sollen die ersten BAFF-Treffen sehr wild gewesen sein. Gibt es eine Anekdote, die du uns erzählen magst, die die Treffen unseren Lesern näherbringt?

Was ich immer total klasse fand, ist, dass BAFF aus so vielen Leuten bestand, die aus verschiedenen Vereinen und aus total unterschiedlichen Subkulturen kamen und trotzdem gesagt haben; beim Fußball machen wir gemeinsame Sache. Da konnten Fanprojektleute genauso dabei sein, wie Skinheads, Groundhopper, Studierende oder Fanzinemacher. Ich erinnere mich immer wieder gerne an die Sharp-Skins aus Göttingen. Nachts Feste am Feiern und morgens die PK moderieren.

1995 änderte BAFF den Namen von »Bündnis antifaschistischer/ antirassistischer Fußballfans« in »Bündnis aktiver Fußballfans«. Warum und mit welchen Folgen?

Also wenn man sich überlegt, was BAFF zu dem Zeitpunkt bereits alles gemacht hatte, dann war es offensichtlich, dass es viel mehr Themen gab als nur den Antifaschismus beim Fußball, der die aktiven Leute interessierte. Gleichzeitig gab es das Gefühl, man müsse mehr Leute einladen und man würde sie sozusagen ausladen mit dieser Eindeutigkeit im Namen.
Wurde die vormals klare antifaschistische Positionierung dadurch verwischt oder durch das gleichzeitige Festhalten eines gemeinsamen antirassistischen und antisexistischen Selbstverständnisses sogar gestärkt?

Dieser Grundkonsens war immer klar und auch davon wurde im Grunde keinen Zentimeter abgerückt. Es gab durchaus Leute, die das befürchteten. Ich selber war eigentlich dagegen, fand die Entscheidung am Ende aber richtig. Zumal BAFF dadurch nie sein kritisches Label verloren hat. BAFF blieb und bleibt bis heute die linke Fanorganisation, die vereinsübergreifend agiert. Und das war für alle Leute immer klar. Die Umbenennung hat ein paar Türen geöffnet bei Leuten, die einen nicht so gut kannten, weil die offener auf BAFF zugegangen sind.

Drei Jahre später wurde BAFF zum eingetragenen Verein. Wie entwickelten sich die Mitgliederzahlen zwischen 1993 und 1998 und wie viele Mitglieder sind es heute?

Der Verein diente vor allem dazu, eine vernünftige, auch juristische, Form für BAFF zu finden. Die Mitgliederzahlen bei BAFF steigen eigentlich stetig. Es gibt auch ganz viele Leute, die schon fast seit der Anfangszeit BAFF-Mitglied sind – Austritte gibt es kaum.

In den letzten Jahren kann die Wanderausstellung »Tatort Stadion«, die Diskriminierungsformen im Stadion thematisiert, sicher zu den bedeutendsten Aktionen von BAFF gezählt werden. Kannst du ein wenig über die Idee und Umsetzung erzählen?

Ja, es gibt ja zwei Ausstellungen: »Tatort Stadion 1« und »Tatort Stadion 2«. Die erste Ausstellung wurde mitfinanziert von FARE, wofür die Vereinsgründung auch wichtig war. Die Idee war, das, was im Stadion passiert und wir ohnehin wussten, z.B. durch unsere Fanzines und Fotografen, nach außen zu tragen. Die Ausstellung wurde dann von Ronald Noack und Gerd Dembowski hauptberuflich, wenn auch für kleines Geld, konzipiert. Außerdem haben ganz viele Leute an den Texten mitgeschrieben und mitgeholfen. Zur Ausstellung gab es dann eine Broschüre und später auch ein Buch. Es war einfach ein Versuch, auf einem anderen Weg an Leute ranzukommen, in einer Zeit, die nicht die Hochphase des Rassismus war. »Tatort Stadion 2« tourt heute immer noch und ist gut ausgebucht. Das Schöne ist ja: Alle Leute, die die Ausstellung organisieren und zeigen, stellen noch ein eigenes Rahmenprogramm auf die Beine.

Der dritte BAFF-Fankongress 1998 in Oer-Erkenschwick.

»ProFans«, »Unsere Kurve«, »Pyrotechnik legalisieren«… – in Deutschland gibt es zahlreiche weitere Fanbündnisse, die sich mal zweckgebunden, mal allgemein für einen fanfreundlicheren Fußball einsetz(t)en. Was macht BAFF gegenüber den anderen Bündnissen besonders?

BAFF war und ist klar das Bündnis, das die ganzen Diskriminierungsformen auf dem Schirm hat. Ganz wichtig ist außerdem die offene Struktur des Bündnisses. Wer Mitglied geworden ist, kann auf die Mailingliste, kann auf die Treffen und kann mitreden. Daher können auch immer wieder neue Leute dazukommen. Auch wenn das einige bei BAFF anders sehen, macht das bis heute die Qualität von BAFF aus.

Gibt es eine Zusammenarbeit mit den anderen Fan-Organisationen und wenn ja, wie sieht diese aus?

Ja und nein. Zusammenarbeit ist zu viel gesagt, aber es gibt gute Kontakte zu den anderen Bündnissen. Wir achten auf jeden Fall darauf, mit wem wir zusammenarbeiten. Es wird sich aber immer wieder in bestimmten Punkten abgestimmt, was ich sehr wichtig finde.

Ihr sucht oft offensiv das Gespräch mit den Vereinen und Verbänden oder versucht über die Presse Öffentlichkeit für eure Themen herzustellen. Wie sind eure Erfahrungen mit den verschiedenen Institutionen? Ein offenes Ohr für Fanbelange oder beißt ihr oftmals auf Granit?

Ich denke, der stete Tropfen höhlt den Stein. Am Anfang wussten die Verbände gar nicht, was sie mit BAFF anfangen sollen und wen sie da vor sich hatten. Der Schlipsträger versus den Punk, jetzt rein optisch mal, ist natürlich erst mal eine Diskrepanz, die überwunden werden muss. Dann gibt es noch die Diskrepanz zwischen den oftmals konservativen Hardlinern im Verband und den Ansichten von BAFF. Andererseits haben einige ältere Funktionäre, die mit BAFF-Vertreterinnen und Vertretern zu tun hatten, auch einiges gelernt. Bei den Journalisten ist es ähnlich. Am Anfang war es sehr schwierig; da sind zahlreiche Fanzines entstanden, eben weil der Journalismus so schlecht war. Viele aktuelle Sportjournalisten sind oder waren aber BAFF-Mitglieder oder kommen aus der Fanzine-Generation.

20 Jahre später sind alle Themen von damals noch aktuell. Es gibt noch immer Diskriminierungen im Stadion, die Kommerzialisierung ist weiter fortgeschritten und auch die Überwachung und Kriminalisierung der Fanszenen nimmt zu. Gibt es dennoch Dinge, die dir heute im Stadion besser gefallen als vor 20 Jahren? Was hat sich verbessert?

Ja, es gibt zwar immer noch alle Diskriminierungsformen im Stadion, aber es gibt auch viel mehr Menschen als früher, die das ablehnen und auch Zeichen dagegen setz(t)en. Alles was Ultragruppen heute machen, können sie nur machen, weil Organisationen wie BAFF 20 Jahre lang dafür gekämpft haben, dass sie das tun dürfen. Auch dass Vereine wie Bayern München sich nun zu Kurt-Landauer und ihrer jüdischen Geschichte bekennen, ist ein Beispiel dafür, was Fans bzw. Ultras geschafft haben.
Aber auch, dass es heute Stadionverbote auf Bewährung, Anhörungen und die Möglichkeit der vorzeitigen Aufhebung von Stadionverboten gibt, ist ein Erfolg der gelungenen Interventionen der verschiedenen Fanstrukturen, zu denen BAFF ebenso gehört wie die Fanprojekte und »ProFans« oder »Unsere Kurve«. Das Schikanenbuch von BAFF hat einen nicht unerheblichen Anteil daran, dass nicht mehr alle gesellschaftlichen Gruppen denken, Fußballfans wären gefährlich und müssten grundsätzlich des Stadions verwiesen werden. Auch die AG der Fananwälte und der Fanrechtefonds sind im Wesentlichen von BAFF und deren Auseinandersetzung mit Repressionen gegen Fußballfans angeschoben worden. Dass Ultrasgruppen sich einer stärkeren Überwachung und Kontrolle unterworfen sehen, liegt sicherlich an der Tatsache, dass diese Fankultur vor 20 Jahren zumindest in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckte. Damals bekam man völlig unbegründet fünf Jahre Stadionverbot, ohne dass es irgendwen interessiert hätte, was überhaupt passiert sein soll. Das ist heute definitiv anders, wenn auch nicht unbedingt grundlegend.

Bundesweiten Treffen im DGB-Bildungszentrum in Hattingen

Wo siehst du hingegen die größten aktuellen Probleme für eine lebendige Fankultur?

Ich glaube, alle aktiven Fans müssen immer aufmerksam bleiben, dass Rechte, die man sich erkämpft hat, nicht zurückgenommen werden. Es braucht eine stetig aufmerksame Fanszene, die immer wieder ihre Finger in die Wunde legt. Es müssen nicht immer die Massen sein, nur selbstbewusste Leute, die sich trauen, das zu tun. Egal was es ist – ob Repression, Stadionverbote oder Rassismus.

Damit es BAFF auch noch weitere 20 Jahre gibt – warum soll ich als aktiver Fan bei BAFF Mitglied werden und wie kann ich mich dort engagieren?

Bei BAFF kriegst du Unterstützung, wenn du lokal Probleme hast. Du findest bei BAFF ein Netzwerk von sehr unterschiedlichen, aber sehr aufgeschlossenen Personen. Und ganz wichtig: Du findest eine Atmosphäre, in der es nicht wichtig ist, zu welchem Verein du gehst, sondern wer du selber bist. █

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