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ALLERHÖCHSTE EISENBAHN

Januar 13th, 2014 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

Der 1. FC Lokomotive Leipzig steht vor einem Berg von Problemen. Das größte dürfte der unübersehbare Rechtsdrall nennenswerter Teile seiner Fanszene sein. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei die Gruppe »Scenario Lok«.

Von: Jan Tölva

(Erschienen in Ausgabe 7)

Lok Hooligans beim SV Babelsberg 03

Es gibt Menschen beim 1. FC Lokomotive Leipzig, die sich nichts sehnlicher wünschen würden, als dass ihr Verein endlich einmal zur Ruhe kommt. Doch auch in der Saison 2013/ 2014 könnte der Verein aus dem Stadtteil Probstheida kaum weiter von Ruhe oder auch Normalität entfernt sein, als er es ist. Es begann bereits am ersten Spieltag, als Lok in Potsdam beim SV Babelsberg 03 antrat und dort nicht nur mit 0:1 verlor, sondern auch gleich für den ersten (in jedem Sinne des Wortes) handfesten Skandal der noch jungen Regionalligasaison sorgte. Rund 50 Fans des Vereins hatten gewaltsam die Vorkontrollen am Einlass durchbrochen, später kletterten Dutzende von ihnen über einen Absperrzaun und stürmten durch den Pufferblock, etwa zwei Dutzend griffen die Babelsbergfans in der Nordkurve des Karl-Liebknecht-Stadions an. Dazu aus dem Gästeblock die altbekannten Rufe: »Wir sind Lokisten – Mörder und Faschisten«, »Zick Zack Zigeunerpack« oder auch das sogenannte »U-Bahn-Lied«.

Sofort waren sie wieder da, die schlechten Erinnerungen. Es war ja nicht das erste Mal, dass die Fanszene von Lok Leipzig negativ auffiel. Der wohl bekannteste Fall ist der des von 40 Lok-Anhängern gebildeten »menschlichen Hakenkreuzes« am Rande eines Jugendspiels im Februar 2006. Sehr medienwirksam waren dank laufender Fernsehkameras aber auch die schweren Ausschreitungen im Februar 2007 bei einem Spiel gegen Erzgebirge Aue. 39 Polizeibeamte sollen dabei verletzt worden sein. Die »Juden Aue«-Rufe von Seiten eines Teiles der Lok-Fans schlugen dagegen weniger hohe Wellen.

Sie konnten ja niemanden überraschen. Lok galt ohnehin als »Naziverein«. Spätestens seit der Verein nach der Auflösung des VfB Leipzig, wie der Verein nach der Wende hieß, und der darauffolgenden Neugründung aus der Fanszene heraus wollten die Meldungen über rechte Vorfälle einfach nicht abreißen. Mal betrieb die NPD Wahlkampf vor dem heimischen Bruno-Plache-Stadion, dann wieder kam es zu einem Angriff auf die als antifaschistisch geltende Ultragruppe »Diablos«, die damals noch den FC Sachsen Leipzig unterstützte. Dazwischen und darüber hinaus immer wieder Meldungen über Rassismus, Gewalt und Überschneidungen zwischen Fanszene und Neonazistrukturen.

Hinter den meisten Vorfällen steckte fast immer – wenn auch selten alleine – die Fangruppierung »Blue Caps LE«, die vom sächsischen Verfassungsschutz beobachtet wurde und ihren Treffpunkt in einem Objekt der NPD in der Leipziger Odermannstraße 8 hatte. 2009 erteilte Lok Leipzig der Gruppe Hausverbot im Bruno-Plache-Stadion. Kenner der Szene sagen, dass viele der damaligen Mitglieder sich inzwischen tatsächlich vom Fußball abgewendet haben.

But that train keeps a-rollin'

Das Verbot der »Blue Caps« hat das Problem jedoch nicht beheben können. Viel mehr schuf es in der Kurve ein Machtvakuum, das bald von einer anderen Gruppe, »Scenario Lok«, gefüllt wurde, die zwar nicht unbedingt personelle, wohl aber inhaltliche Überschneidungen zu den »Blue Caps« aufweist. Als etwa 2012 ein Sommerfest eines Kunstvereins von Neonazis, die aus dem NPD-Zentrum in der Odermannstraße kamen, bedroht wurde und die Polizei einschreiten musste, trugen etliche der Neonazis T-Shirts von »Scenario Lok«. Auch der sächsische Verfassungsschutz bezeichnet in seinem Bericht für das Jahr 2012 die Gruppierung als »rechtsextrem« und verweist auf personelle Überschneidungen zur NPD und deren Jugendorganisation »Junge Nationaldemokraten« (JN) sowie ferner darauf, dass sie wie zuvor die »Blue Caps«, die Odermannstraße 8 als Treffpunkt nutzt.

Dass es sich bei »Scenario Lok« um keine mehr oder minder harmlose Ultragruppe handelt, auch wenn die Gruppierung in ihrem Auftreten deutlichen Bezug auf die Ultrakultur nimmt, war also durchaus kein Geheimnis. Dennoch brauchte es erst die Vorfälle von Babelsberg, um den Verein zum Handeln zu bewegen und der Gruppe ein »bis auf weiteres geltendes Erscheinungs- und Auftrittsverbot sowohl für die Heimspiele als auch für die Auswärtsspiele« auszusprechen. In der Begründung des Verbots werden allerdings nicht nur der Angriff auf Fans des SV Babelsberg und der neonazistische Hintergrund der Gruppierung erwähnt, sondern auch eine »gewaltverherrlichende Choreografie« in einem Freundschaftsspiel gegen den Halleschen FC einen Monat zuvor. Was genau am Abbrennen von Pyrotechnik »gewaltverherrlichend« sein soll, wird dagegen nicht näher erläutert.

Es ist im Grunde die alte Leier, die von Seiten der Politik und fußballferner Medien immer wieder zu hören ist. Rechtsextremismus, Gewalt und Pyrotechnik werden fröhlich in einen Topf geworfen, als seien sie im Grunde alle mehr oder minder dasselbe. Wirklich verwundern kann das nicht. Immerhin liegt Leipzig im Freistaat Sachsen, der Heimat und der Hochburg der Extremismustheorie. Auch Heiko Spauke, der im April gewählte neue Präsident von Lok Leipzig, hat nicht nur mit »rechten Chaoten« ein Problem, sondern auch mit den »linken Chaoten« bei Babelsberg. Sich selbst verortet er als bekennender Anhänger der FDP mit Sicherheit in der gesellschaftlichen Mitte. Probleme dagegen kommen immer von den Rändern. Das ist im christdemokratischen Einparteienstaat Sachsen seit langem bekannt.

Spauke hat selbst seine Erfahrungen mit dem rechten Rand gemacht, als er 2009 für kurze Zeit Mitglied der Republikaner war, weil, so Spauke, »ein konkretes europa- und finanzpolitisches Anliegen dieser Partei sich mit meinen Ansichten deckte«. Da die Republikaner damals nicht mehr vom Verfassungsschutz beobachtet wurden, sah er kein Problem darin. Vielleicht war er auch einfach ein bisschen naiv.

If you tolerate this then your children will be next

Was man Spauke jedoch nicht nachsagen kann, ist mangelnder Tatendrang, und auch sein mantraartig wiederholtes Bekenntnis gegen Rassismus, Rechtsextremismus und generell Diskriminierung wirkt  durchaus glaubhaft. Wer auffällig wird, werde sofort aussortiert, sagt er. Worauf es ankomme sei, »diesen Leuten die Lust am Fußball zu nehmen«. Er versucht daher alles, um nach innen wie nach außen zu kommunizieren, dass der 1. FC Lokomotive Leipzig ein weltoffener und toleranter Verein ist. »Wir tun alles, was wir können«, sagt er und man nimmt es ihm auch ab. Da ist etwas in seiner Stimme, das einem das Gefühl gibt, er meine es wirklich ernst, um nicht zu sagen, er sei zu allem bereit.

Vielleicht ist er sogar genau der Richtige für die Herkulesaufgabe, den Verein und sein Umfeld wenigstens halbwegs zu zivilisieren. Wenn jemand dort ankäme und davon spräche, dass Rassismus und Diskriminierung aus der Mitte der Gesellschaft kommen, dann würde ihm doch überhaupt keiner zuhören in Probstheida. Gleichzeitig stellt sich jedoch die Frage, ob diese Aufgabe überhaupt zu bewältigen ist. Die Fußballszene in und um Leipzig ist seit langem stark ausdifferenziert. Wer links ist, geht meist zum Roten Stern oder zur BSG Chemie, wer guten Fußball sehen will, geht in die Red Bull Arena und zu Lok da geht halt der Rest. Das heißt nicht, dass dort alle Nazis und Rassisten sind, aber es heißt eben doch, dass eher emanzipatorisch orientierte Fußballanhänger dort tendenziell seltener anzutreffen sind. Wer steht schon gerne in einem Fanblock, in dem es immer und immer wieder zu rassistischen Beleidigungen kommt?

Dass Spaukes Vorgehen sich nicht nur gegen Rechtsextremismus, sondern auch gegen Gewalt richtet, ist im Grunde richtig. Es macht die Sache aber nicht eben einfacher, denn im Osten gehört für sehr viele Menschen ein gewisses Maß an Gewalt zum Fußball einfach dazu. Wer ernsthaft erwartet, dass Spiele von Lok gegen Magdeburg oder die BSG Chemie in naher Zukunft auch ohne massive Sicherheitsvorkehrungen friedlich ablaufen könnten, hat vom ostdeutschen Fußball schlicht keine Ahnung. Gerade hier lässt sich oft nicht zwischen den »echten Fans«, die für tolle Stimmung sorgen, und »Chaoten«, denen es nur um Randale geht, unterscheiden. Die Grenzen zwischen Ultras und Hooligans sind für gewöhnlich eher fließend.

 The light at the end of the tunnel is a train

Auch bei Lok will man auf die Stimmung und den Support ungerne verzichten, und natürlich ist es beeindruckend, wenn mehr als tausend Fans gemeinsam und im Blau-Gelb ihres Vereins zum Derby gegen RB Leipzig im Sachsenpokal marschieren. Dass zu diesem Marsch jedoch vor allem »Scenario Lok« mobilisiert hatte und dass die Gruppe auch allen Verboten zum Trotz und dank Banner und Gruppenlogos auf den Mützen für alle sichtbar zentral im Lok-Fanblock stand, wirft ein doch eher fahles Licht auf die Fähigkeit der Verantwortlichen, das Verbot auch durchzusetzen. Und als wäre das nicht genug, zierte nach dem Spiel sowohl die Facebook-Seite des Vereins als auch die seines Präsidenten ein mit der Aufschrift »Lok ist die Stadt. Danke für die geile Stimmung!« versehenes Foto des Fanblocks, auf dem deutlich auch mindestens eine Mütze mit dem Logo von »Scenario Lok« zu sehen ist.

Der Leipziger Internetzeitung präsentierte Präsident Spauke eine Liste mit etwa 100 Namen von Lok-Anhängern, die der extremen Rechten zumindest nahestehen sollen. Bei einem Zuschauerschnitt von über 4.000 ist das in der Tat nicht wirklich viel. Es ist jedoch keineswegs so, dass es sich dabei um eine Randgruppe handeln würde. Neonazis und rechte Hools gehören zum festen Kern der Fanszene von Lok Leipzig und das nicht erst seit gestern. Genau deswegen geht der Kampf gegen Rechts, selbst wenn er sich eher gegen rechte Gewalttäter als gegen rechte Ideologien richtet, ja so an die Substanz des Vereins.

Die Sache lässt sich auch ökonomisch betrachten. Immerhin konkurriert Lok mit nicht wenigen anderen Vereinen um Sponsorengelder. Das Image als rechtsoffener Haudraufverein macht es Spauke nicht wirklich leichter. In Summen ließe sich dieser Nachteil zwar nicht ausdrücken, sagt er, »aber das hört man bei der Sponsorensuche immer wieder«. Umgekehrt ließe sich jedoch auch fragen, was denn vom Mythos Lokomotive Leipzig übrig bleiben würde, wenn den Verein nicht mehr eine Aura der Gefahr und der Raubeinigkeit umgäbe, sondern er bestenfalls noch der erfolglosere der beiden Leipziger Großvereine wäre?

Natürlich kann man in Probstheida auf eine gewisse Tradition verweisen. Dreimal war man Vizemeister der DDR und viermal konnte man den Pokal gewinnen. 1987 stand man sogar im Finale des Europapokals der Pokalsieger, wo man sich dann aber Ajax Amsterdam mit 0:1 geschlagenen geben musste. Hinzu kommen die drei Meistertitel, die der Vorläuferverein VfB Leipzig vor hundert oder mehr Jahren einfahren konnte. All das ist sicher nicht schlecht, der Mythos um den Verein jedoch ist anderswo entstanden – auf den Rängen, in auseinandergenommenen Zügen der Deutschen Reichsbahn, bei ungezählten Scharmützeln mit der Volkspolizei und mit den Fans anderer Vereine. Blut und Schweiß sind bei Lok gewissermaßen Teil des Markenkerns.

Wenn man alles zusammennimmt, steht es schlecht um den Verein. Finanziell angeschlagen musste man sich schon von der überaus erfolgreichen Frauenfußballabteilung trennen, die nun unter dem Namen FFV Leipzig firmiert. Durch den Einstieg von Red Bull beim SSV Markranstädt sind die Aussichten, die Nummer Eins der Stadt zu werden, auf absehbare Zeit gleich Null, und in der Regionalliga Nordost steht der Verein nach einem veritablen Fehlstart am Tabellenende und wird wohl die gesamte Saison über gegen den Abstieg kämpfen. Schließlich wäre da noch das Problem, dass der Verein nicht Inhaber der Markenrechte am eigenen Logo ist und deshalb für die Nutzung desselben regelmäßig schmerzlich hohe Beträge an einen Geschäftsmann abtreten muss. Der Verein hat beim Patent- und Markenamt einen Löschungsantrag gestellt, aber noch ist der Fall in der Schwebe. Die ständigen Querelen, weil wieder Anhänger des Vereins durch Rassismus, Antisemitismus oder andere Unnötigkeiten aufgefallen sind, sind da eine Zusatzbelastung, auf die die Vereinsführung – und nicht nur die – wahrscheinlich gut verzichten könnte. Wohin der Zug rollt, ist aller guten Ansätze zum Trotz noch immer völlig unklar. Lokomotive Leipzig in der Saison 2013/ 2014, das ist ein Verein, der mit sich selbst ringt und das mit ungewissem Ausgang.  █

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