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„MUSS DAS SEIN?“

Juli 30th, 2012 | Posted by Transparent Magazin in Magazin

„Muss das sein?“ - Über die Initiative „Fußballfans gegen Homophobie“
Von Martin Endemann
Fußballfans gegen Homophobie

Diese Frage steht auf einem Banner der Ultras Wuppertal, auf dem zwei sich unter einem Regenbogen küssende Fußballer abgebildet sind, die die Wappen der Düsseldorfer Fortuna und des 1. FC Saarbrücken tragen. Das Banner spielt nicht nur auf die als „schwul“ empfundene Freundschaft zweier ungeliebter Fangruppen (Ultras Düsseldorf / Boys Saarbrücken), sondern auch auf ein anderes Banner an, welches seit Sommer 2011 bereits in den Kurven von 19 verschiedenen Vereinen von Kreis- bis Bundesliga zu sehen war: Es ist dem Design des Transparentes der Initiative „Fußballfans gegen Homophobie“ nachempfunden. Flagge zeigen gegen Homophobie. Muss das immer noch sein?

Ganz offensichtlich muss es das. Wenn sich Fangruppen wie die Ultras Wuppertal nach wie vor entblöden, maue Witzchen auf Grundschulniveau zu machen. Wenn das Wort „schwul“ als Beleidigung der jeweils anderen Fangruppe nach wie vor zum Standardrepertoire vieler, sowohl von Kreativi- als auch Originalität verschont gebliebenen, Fankurven zwischen Trier und Rostock gehört. Wenn in Mönchengladbach Anti-Köln Schals mit dem Aufdruck „Ihr seid nur schwule Clowns“ und in Leipzig Shirts mit dem Slogan „Fußball bleibt homofrei“ verkauft werden. Wenn BVB-Stadionsprecher Norbert Dickel im Fanradio Tim Wieses rosa Trikot als „Schwuchtelhemdchen“ bezeichnet. Wenn sich Nationalspieler Arne Friedrich via eines offenen Briefes seiner Freundin an die Medien (!) vom Verdacht der Homosexualität reinwaschen will/muss. („Nein, Arne ist nicht schwul und ich bin mir sicher, dass er der Letzte wäre, der nicht dazu stehen würde.“) Ja, dann muss es wohl sein.

„Fußballfans gegen Homophobie“ ist eine gemeinsam von Fans der Abteilung Aktive Fans des Berlinligisten Tennis Borussia und dem LSVD Berlin-Brandenburg ausgeführte Aktion. „Wir wollten zur FARE Aktionswoche im Herbst letzten Jahres eigentlich nur eine Stadionaktion gegen Homophobie machen, haben dann beim Brainstorming aber schnell festgestellt, dass wir lieber etwas längerfristiges auf die Beine stellen würden und zwar etwas mit dem auch andere Fangruppen einbezogen werden können“, erklärt Christian Rudolph, einer der Initiatoren die Entstehungsgeschichte. „Dabei dachten wir eigentlich zunächst nur an die vier bis fünf Vereine, mit denen wir ohnehin schon länger in Kontakt stehen, wurden dann aber von immer mehr anderen Fans angefragt und die Geschichte wurde sehr schnell zu einem Selbstläufer.“, so Rudolph weiter.

Bei den meisten Stationen bleibt es nicht beim puren Zeigen eines Banner, nein, die organisierenden Gruppen vor Ort ergänzen oftmals die Aktion durch eigene Inhalte. „Das kommt immer auch ein bisschen auf die Motive der jeweiligen Fangruppe vor Ort an“, so Rudolph. „Mal gilt es die eigene Position zu verdeutlichen, mal gibt es innerhalb der Szene Probleme mit Homophobie, da wollen die jeweiligen Organisatoren natürlich auch mehr aufklären und es wird versucht das Thema in die Vereine hinein zutragen. Fans organisieren Diskussionsveranstaltungen, schreiben eigene Texte für ihr Stadionheft, eigene Pressemitteilungen zur Aktion oder verteilen eigene Flyer neben den von uns mitgelieferten.“ Die Brigade Nord von Hannover 96 hat inzwischen gar im gleichen Design ein eigenes Banner vor ihrem Sektor hängen - natürlich in grün und schwarz. Rudolph weiter: „Der Erfolg der Aktion kam für uns total überraschend, Homosexualität ist ja schließlich immer noch ein schwieriges Thema in vielen Kurven. Dazu kommt, dass es eben immer noch ein Banner von einem anderen Verein ist, das zudem schon in einigen anderen Stadien hing. Wir verstehen all diese Fußballbefindlichkeiten durchaus, umso mehr freuen wir uns wenn Fans im Namen der Sache darüber hinwegsehen können und zum Beispiel das Banner in der einen Woche bei St. Pauli und in der nächsten beim HSV hängt.“ Bei einem Ausflug in die Schweiz hing es beim Spiel Young Boys Bern gegen den FC Zürich für jeweils eine Halbzeit gar in beiden Blöcken.

Schon bis weit in die nächste Saison hinein stehen neue Termine fest, wieder quer verteilt durch die Ligen. Rudolph würde sich freuen, wenn das Banner auch mal bei einem Verein mit nicht so aufgeschlossenem Fanklientel hängen würde: „Es gibt durchaus Anfragen von `schwierigen´ Vereinen, dort meinst von kleineren Fangruppen, die es vor Ort alles andere als einfach haben. Wir möchten versuchen in Zukunft auch in der Lage zu sein, diesen zur Seite zu stehen.“ Die Aktivisten von FGH versuchen bei möglichst vielen Stationen dabei zu sein und sich an den Diskussionen zu beteiligen. Das passt zu dem Gedanken, dass FGH inzwischen mehr ist, als nur ein Banner, welches nebst einigen Flyern und Infomaterial auf die Reise geschickt wird, sondern vielmehr auch als Netzwerk dienen soll. Auf großen Widerspruch ist die Aktion bisher noch in keinem Stadion gestoßen und wenn, dann handelte es sich meist nur um Forendiskussion, denen Rudolph auch noch etwas gutes abgewinnen kann: „Ich finde es wichtig, dass überhaupt eine Diskussion zu diesem Thema zustande kommt und es finden sich in den Fanforen meist Fürsprecher für die Aktionen, die ohnehin immer die besseren Argumente haben.“ Nur über die Station RB Leipzig entspann sich eine längere Debatte. Nicht wenige Kämpfer gegen den modernen Fußball erachteten die ganze Initiative als diskreditiert, nur weil es FGH gewagt hatte das Banner auch an den sächsischen Dosenclub bzw. dessen Fans zu vergeben. Nun mag man vom Konstrukt RB und seinen Fans halten, was man möchte, eben jenen aber abzusprechen bei Aktionen gegen menschenfeindliche Ideologien mitzuwirken, zeigt einmal mehr die Prioritäten mancher Verfechter der reinen Fanlehre.

Dass die Aktion ausgerechnet von Tennis Borussia Fans initiiert wurde ist nicht weiter überraschend. So waren Fans des damaligen Zweitligisten bereits 1999, als der Kampf gegen Homophobie noch kein Thema in den Stadien war, an einer der ersten belegten Aktionen gegen Homophobie im Stadion überhaupt beteiligt. Nachdem sich der Gesang „Lila-Weiss ist schwul!“ ob der Spielkleidung der Borussen zum Renner in den Stadien der 2. Liga entwickelt hatte, verkleidete sich eine komplette TeBe-Busbesatzung solcherart, wie man sich im Spreewald Homosexuelle wohl vorstellen möge und hängte zudem ein riesiges „Lila Weiss ist schwul!“ Plakat im Gästeblock auf. Die harten Männer aus der Lausitz verstummten damals sehr schnell, offensichtlich verwirrt. Wochen später outete sich dann tatsächlich ein langjähriger TeBe-Fan als schwul, und sagte, dass er selbst in der toleranten TeBe-Szene erst in Cottbus gemerkt habe, dass seine sexuelle Orientierung allen egal sei. „Zumindest ich war begeistert, konnte ich mich doch endlich mal zeigen, wie ich wirklich bin, ohne dass jemand was ahnt. (..) Mittendrin war ich, ein als schwul verkleideter Schwuler, der aber bislang nur als Hetero bekannt war, unter lauter als Schwul verkleideten Heteros. Eine groteske Situation.“, schrieb er damals im TeBe-Fanzine Lila Laune über jenen Tag.

In den Folgejahren waren es auch immer mehr Fans anderer Vereine, die anfingen neben Rassismus und Antisemitismus auch Homophobie (und später auch Sexismus) als Problem in den Kurven zu erkennen, benennen und zu bekämpfen. Vor allem der BAFF-Ausstellung „Tatort Stadion“ kam hierbei eine Vorreiterrolle zu, brachte sie doch diese anderen Diskriminierungsformen erstmals in einen breiteren öffentlichen Diskurs. Auch homosexuelle Fans, die aus ihrer Sexualität kein Geheimnis mehr machen (müssen) sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Bei den meisten Proficlubs existieren schwul-lesbische Fanclubs, die offen im Stadion auftreten und sich 2006 im Netzwerk QFF (Queer Football Fanclubs) zusammen taten. Überhaupt scheint das Thema Homosexualität im Fußball keineswegs mehr das Tabu zu sein, zu dem es in jedem zweiten der zahlreichen Artikel darüber gemacht wird. Das DSF (heute Sport1) strahlte in den letzten drei Jahren mehrere Dokumentationen des Regisseurs Aljoscha Pause zum Thema aus und im gleichen Zeitraum sind mehrere Bücher zum Thema erschienen. (Walther-Ahrens: Seitenwechsel: Coming-Out im Fußball; Erb/Leibfried: Das Schweigen der Männer: Homosexualität im deutschen Fußball; Blaschke: Versteckspieler. Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban) Weit über 80 Blogs verschiedenster Vereine beteiligten sich mit Artikeln zum Thema im November 2011 an der „Aktion Libero“ gegen Homophobie. Der HSV-Nachwuchsleiter und ehemalige Bundesliga-Profi Bastian Reinhardt sprach als Gastredner bei der Siegerehrung des StartschussMasters, eines Fußballturnieres schwuler Freizeitkicker, und mit Malik Fathi (Mainz 05) nahm erst kürzlich ein aktueller Bundesligaprofi an einer Diskussionsveranstaltung zum Thema im Rahmen der Ausstellung Tatort Stadion teil. Nein, Homophobie ist weit davon entfernt ein Tabuthema zu sein, ganz im Gegenteil. Es werden nur leider meist die falschen Dinge diskutiert. So drehte sich in den letzten Jahren beinahe jegliche mediale Auseinandersetzung meist um das Thema Outing und was für einen Effekt ein solches auf die Fußballlandschaft haben würde/könnte. Die Fokussierung auf ein Outing beschrieb der Journalist Christoph Ruf in der TAZ recht schön mit den Worten: „Genauso wenig (wie der Rugbyspieler Gareth Thomas M.E.) würde ein schwuler Profi in der Bundesliga angefeindet. Nur dass der entsprechende Spieler nicht mehr spielen würde, weil er pro Tag 48 Exklusivinterview-Anfragen erfüllen müsste.“ Zu diskutieren, ob es tatsächlich so sei, ist allerdings solange müßig, solange nach wie vor nicht die Voraussetzungen geschaffen sind, dass sich wirklich Menschen jeglicher sexueller Orientierung in den Stadien angsfrei bewegen können.

Nach wie vor gibt es noch genügend Vereine, die keinen Antidiskriminierungs-Paragraphen in ihrer Satzung haben bzw. ihn nicht um einen Passus gegen Homophobie erweitern oder die Einhaltung eines solchen Paragraphen auch konsequent durchsetzen. Nach wie vor sind Vereine und Verbände zu zögerlich, was einen offenen Umgang mit der Problematik betrifft. Dies mussten auch die oben erwähnten Autoren Erb und Leibfried erkennen, als sie im Zuge ihrer Recherchen für ihr Buch von allen Erst- und Zweitligisten gerade einmal vier brauchbare Antworten bekamen. Der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Dr. Theo Zwanziger, trug zwar in den vergangenen Jahren dazu bei, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. So gehört die Beseitigung von Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung qua Satzungsänderung im Jahr 2010 explizit zu den Zielen des Verbands, hat der DFB im Rahmen der FARE-Aktionswoche im Oktober 2009 ein Länderspiel unter das Motto „Viele Farben – ein Spiel! Gegen die Diskriminierung von Homosexuellen im Fußball!“ gestellt und an einigen weiteren Aktionen teilgenommen oder diese unterstützt. Jedes mal jedoch, wenn es darauf ankam, hat der DFB es verpasst ein klares Zeichen zu setzen. Hier sei nur an den Umgang mit den Äußerungen von Roman Weidenfeller erinnert (dessen Strafmaß reduziert wurde, nachdem er angegeben hatte „schwule“ statt „schwarze“ Sau zu Gerald Asamoah gesagt zu haben), die fast schon panischen Reaktionen, als in einer Folge des Tatorts angedeutet wurde, dass auch Homosexuelle in der Nationalmannschaft spielen könnten, an den mehr als unsouveränen Umgang mit der Affäre Amerell oder an das Ausbleiben einer wie auch immer gearteten offiziellen Reaktion bzw. Sanktion, auf immer wiederkehrende homophobe Schmähungen seitens einiger Fangruppen. Ob sich ausgerechnet unter dem eher als Technokrat verschrieenen und bisher nicht durch allzu großen Einsatz für soziale- oder Fanthemen aufgefallenen Wolfgang Niersbach als frischgebackenem DFB-Präsidenten etwas ändern wird scheint zumindest zweifelhaft. Ein wenig Anschauungsunterricht könnte er sich bei seinen Kollegen des englischen Fußballverbandes (FA) nehmen. Unter den internationalen Fußballverbänden nimmt diese eine Vorreiterrolle ein, hat bereits 2005 eine Informationsbroschüre zur Thematik an ihre Vereine gesendet und erst Ende Februar 2012 einen mehr als umfangreichen neuen Anti-Homophobie Plan namens 'Opening Doors and Joining In' präsentiert, in welchem sie ihre Projekte und Ziele für die nächsten vier Jahre vorstellt. Hinzu wurden nicht weniger als sechs League-Spieler in England in den letzten sechs Monaten von der FA zu Geldstrafen aufgrund via Twitter verbreiteter homophober Äußerungen verurteilt. Oxford City kündigte seinem Toptorjäger Lee Steele wegen eines solchen Vergehens gar gleich den Arbeitsvertrag. Eine ähnliche Konsequenz würden sich viele auch hierzulande im Umgang mit homophoben Arschlöchern wünschen. Seien es nun Fans, Funktionäre oder Spieler █

für mehr Informationen zur Initiative: http://fussballfansgegenhomophobie.blogsport.de/

Erschienen in: Transparent - Magazin für Fußball und Fankultur (Ausgabe 1)

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